Arabisches Vollblut in der Springpferdezuch

 

Da ich mich auf diesen Seiten üblicherweise mehr dem Englischen Vollblut widme, möchte ich zur Abwechslung meine Gedanken zum Thema des Arabischen Vollblüters in der Warmblutzucht ausführen. Gleich vorab: Es werden in erster Linie kritische Worte sein, die ich wähle. Vorab sei betont, dass ich Sympathien für Blutpferde hege und somit auch den Araber als hübsches Freizeitpferd durchaus schätze. Die mir nähergebrachten Vollblutaraber brachten allesamt die Einstellung und Leistungsbereitschaft mit, die man von einem Blutpferd erwarten würde. Auch von ihrer angenehmen Rittigkeit und Sensibilität bei guten Charakterwerten konnte ich mich im Sattel persönlich überzeugen. Das hat Spaßfaktor! Dennoch sehe ich den Einsatz von reinen Arabern in der Warmblutzucht kritisch, zumindest wenn es um den Springsport geht und maximal im Einzelfall, wenn es um Blutzufuhr geht.

 

 

 Ich & Mikesh ox (Santhos ox/ Bajdak ox)

 

 

 Warum diese Vorbehalte? Wer sich das Zuchtziel modernes Sportpferd vor Augen hält, muss zugeben, dass bereits das Exterieur des Englische Vollblüters dem gewünschten Reitpferde-Ideal erheblich näher kommt, als der Arabische Vollblüter. Somit liegt der Schluss relativ nahe, dass ein Englischer Vollblüter das „geringere Übel“ ist, wenn man sich für einen der beiden Veredler in der Warmblutzucht entscheiden müsste.

Der Englische Vollblüter ist praktisch der Prototyp des blütigen Sportpferdes mit seinen langen Linien. Dagegen kann der Araber insbesondere in Sachen Kruppe und Oberlinie, aber auch durch seine geringe Größe und knappen Linien erhebliche Abstriche in Aussicht stellen. Aber das Exterieur allein soll nicht als Maßstab für Springvermögen herhalten, weswegen ein Blick auf die Sportleistung dieser Veredler-Rasse an dieser Stelle notwendig ist.

 

 IS Orlow ox (Pamour ox/ Santhos ox)

 Said ox (Pamir I ox/ Saher ox)

 Said ox

  

Auswertung Turniersportdaten

Um meine Ausführungen weniger von subjektivem Empfinden und mir zufällig bekannten Einzelfällen abhängig zu machen, habe ich die FN-Erfolgsdaten aller reinen Araber (ox), Shagya-Araber (ShA) und Anglo-Araber (AA) der letzten 10 Jahre bundesweit ausgewertet. Dies soll dabei helfen, die Leistungen des Arabers in verschiedenen Sparten zu beurteilen und im Vergleich zu anderen Veredlern in Relation zu setzen.

 

Springen

Deutschlandweit haben im genannten Zeitraum 11 Araber, 13 Shagyas und 40 Anglo-Araber im Springen Platzierungen der Klasse L erreicht. In der Klasse M sind es 2 Araber (wobei beide nur 1 einzige Platzierung auf M-Niveau haben, die zudem bei einem Araber-Turnier erzielt wurden), 4 Shagyas und 13 Anglos. In der Klasse S verbleiben 5 sporterfolgreiche Angloaraber.

 

Dressur
In der Dressur sieht das Bild deutlich anders aus: Es gibt im selben Vergleichszeitraum 37 Araber mit L-Platzierungen, 16 mit M-Platzierungen und immerhin 4 Araber mit S-Erfolgen. Das bedeutet es haben mehr Araber M-Erfolge in der Dressur als im L-Springen, das finde ich schon ein deutliches Ergebnis.

 
Vielseitigkeit
Man könnte meinen hier hätte ein Blutpferd gute Chancen auf Platzierungen, aber bezeichnenderweise gibt es im Busch keinen einzigen Araber mit L-Platzierungen, bei den Shagyas gibt es immerhin 4 Rassevertreter plus einer mit M-Platzierungen. Wenn man bedenkt, wie viel geringer die Population der Shagyas im Turniersport ist, eine durchaus erhebliche Differenz.

 

Wie sind diese Zahlen zu bewerten?

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass von allen Veredler-Rassen nur Anglo-Araber (und Englische Vollblüter) Platzierungen in allen 3 Sparten bis zur Klasse S vorweisen können. Beim Anglo-Araber überrascht das nicht wirklich, denn es wäre paradox, wenn eine züchterische Selektion auf Reitpferdeeigenschaften keine verbesserte Leistungsfähigkeit im Turniersport zur Folge hätte. Die Leistungsfähigkeit folgt der Zuchtzielsetzung.

Leider bleibt anzumerken, dass viele der Platzierungen der reinen Araber bei eigens ausgeschriebenen Spring-Turnieren für Araber erreicht wurden. Das schmälert zwar die Springleistung in Sachen Höhe nicht, aber dort herrscht doch ganz erheblich weniger Konkurrenzdruck, als im normalen Turniersport. Somit sind die erzielten Springleistungen nur in Teilen direkt vergleichbar, mit denen der Angloaraber und Englischen Vollblüter.

Natürlich gibt es durchaus beständige Leistungen im Amateur-Turniersport auf ordentlichem L-Niveau. Hier sei insbesondere auf Al Ashar ox verwiesen, der sich regelmäßig gegen warmblütige Konkurrenz durchsetzt. Leider bleiben dies Einzelfälle.

 

Warum klappt es nicht mit der Springleistung?

Es gibt durchaus Erklärungsversuche für das Ausbleiben der Springleistungen der arabischen Vollblüter. Nachfolgend sollen einige der Hauptargumente vorgebracht und näher betrachtet werden.

Für die geringe Präsenz von Arabern im Springsport höherer Klassen kann man deren geringe Größe verantwortlich machen. Denn Kleinpferde haben es schwer in Parcours Distanzen zu bewältigen, die für Warmblüter ausgelegt sind. Die Einführung von Zwischenklassements für Kleinpferde (z.B. bis 1,60m Stockmaß) würde die Chancengleichheit im Turniersport erhöhen. Das erklärt allerdings nicht, warum Shagyas und selbst Reitponys mit ähnlichen Einschränkungen diese Prüfungen sehr wohl erfolgreich bestreiten können.

Weiterhin werden Araberfreunde festhalten, dass sportambitionierte Reiter keine Araber als Sportpartner wählen und diese Rasse somit gar nicht erst für höheren Klassen des Turniersports in Frage kommen. Demnach wird ein Image-Problem des Arabers bei Sportreitern statt einem Mangel an Qualität seitens des Pferdes postuliert. Dies kann aber nicht erklären, warum andere Veredler-Rassen, die mit denselben Vorurteilen von Reiterseite kämpfen, dennoch in den Ergebnislisten höherer Klassen vertreten sind.

 

Historische Betrachtungen - Es geht doch!

Die Fortschritte, die auf arabischem Blut basieren, um ein modernes Reitpferd zu schaffen, sind historisch durchaus belegbar. Von den Hengsten, die in der Warmblutzucht positiv gewirkt haben sind stellvertretend Jason ShA in Hannover oder Bajar ShA in Holstein erwähnenswert, sowie Galib Ben Hafas ox in der ehemaligen DDR. Allerdings haben sich die Zeiten geändert und von diesen Hengsten kann allenfalls die Hengstlinie von Bajar ShA als aktiv bezeichnet werden, was den Erfolg seiner Ur-Enkelin Bella Donna 66 von Baldini II unter Meredith Michaels-Beerbaum umso bedeutender macht.

Natürlich ist mir bewusst, dass es auch heute Deckhengste wie Galan ShA gibt, die schöne Springerfolge bis zur Klasse M** vorweisen können. Seinen Liveauftritt im Rahmen einer Hengstschau habe ich ebenfalls mitverfolgen können. Der Auftritt war publikumswirksam, weil das kleine Pferdchen ungeniert gegen einen Sprung in S-Höhe kachelte und fehlerlos überwand. Der Hengst hat das Herz immer abzudrücken, aber er überzeugt dennoch in erster Linie durch Einstellung und nicht so sehr durch Vermögen. Immerhin hat der Hengst einen Nachkommen, der in Anpaarung mit einer Holsteiner Stute S-Erfolge im Springen vorweisen kann.

Wenn man dagegen an Zuchtheroen wie Ramzes AA und Inschallah AA denkt, ist bereits erwiesen, dass arabisch geprägte Hengste die Warmblutzucht nachhaltig bereichern konnten. Aber eben in erster Linie in einer Mischform mit Englischem Vollblut. Interessanterweise belegen auch die Sportdaten von zahlreichen Arabisch Partbreds, dass je höher der Anteil an Englischem Vollblut (oder Warmblut), desto höher die Erfolgsaussichten im Turniersport.

Das klingt als wäre eine totale Abkehr vom Arabischen Vollblut nötig, um Erfolg zu haben, aber das trifft nicht den Kern der Dinge. In geringen Dosen und mit der richtigen Selektion, kann arabisches Blut - insbesondere über den Anglo-Araber, der ja einen Mindestanteil von 25% Araber führen muss- einen wertvollen Beitrag in der Sportpferdezucht leisten.

Dass Arabisches Blut heute überhaupt noch in der Warmblutzucht salonfähig ist, verdanken wir in meinen Augen insbesondere der Bemühung um die Erschaffung der Rassen Shagya Araber (Ursprungsland Ungarn) und Angloaraber (Ursprungsland Frankreich). Diese Reitpferdezuchten mit arabischen Blutanteil haben den Vorteil, dass bereits seit Generationen auf Rittigkeit und -was in meinen Augen noch wichtiger ist- Springvermögen selektiert wurde. In Frankreich ist der Anglo-Araber ein Sportpferd wie jedes andere und vor allem eins: Im Springsport durchaus konkurrenzfähig. Man nennt ihn auch den „Trakehner Frankreichs“.

 

Wozu überhaupt den Araber in Erwägung ziehen?

Es mag ketzerisch klingen, diese Frage zu stellen, wo doch der Araber als Veredler maßgeblich an der Entstehung so vieler Pferderassen mitgewirkt hat. Dennoch halte ich diese kritische Frage für gerechtfertigt, weil die Warmblutzucht sich erheblich weiterentwickelt und massiv nach Disziplinen spezialisiert hat, so dass die Notwendigkeit eines Universal-Veredlers ohnehin auf dem Prüfstand steht (siehe Artikel: Vollbluteinsatz im Wandel der Zeit).

Jeder Araberfreund wird sich auf die Zuchtgeschichte seiner Rasse zurückzubesinnen, um zu beantworten worin die Vorzüge des Arabers liegen. Das große Anliegen der Araberzucht war stets die Selektion auf Distanzbewältigung (vergleichbar mit dem heutigen Distanzritt oder Pferderennen). Das Zuchtziel Härte stand nicht nur im Vordergrund der Bemühungen, sondern war eine natürliche Folge der Haltungsbedingungen unter schwierigen klimatischen Voraussetzungen. Ein Pferd, das in der Wüste überleben soll, muss extrem genügsam sein.

Ebenfalls legendär ist die hohe Menschenbezogenheit der arabischen Pferde. Trotz allem Reinheitsgedanken und Leistungsbestreben lebte das arabische Pferd traditionell mit seinem Besitzer auf engstem Raum. Ihm wurde mit Güte und Geduld begegnet, denn es war das höchste Gut der Beduinenstämme. Araber gelten daher als ausgesprochen sanft und angenehm im Wesen.

Pferdezucht hatte für die Beduinenvölker Tradition und Stellenwert. Der Erhalt der wertvollsten Individuen und deren Blutlinien hatte höchste Priorität bis zur Selbstaufgabe, was durch Jahrhunderte der isolierten Reinzucht geprägt war. Dies hat ein kleines, hartes Pferd hervorgebracht, das optimal an seine Umgebung angepasst ist. Die erhebliche Durchschlagkraft des arabischen Typs in der Vererbung wird gern hiermit erklärt. Deswegen wurde historisch betrachtet die Einkreuzung des Arabers in viele andere Pferderassen vorgenommen, um ein härteres und leistungsfähigeres Pferd zu erhalten.

 

Kommen wir zum hier und heute. Das Problem ist, dass der Araber in Europa nur noch selten einer echten Leistungsprüfung unterzogen wird. In Deutschland wurde eine Hengstleistungsprüfung vor Jahrzehnten abgeschafft, was bedeutet, dass jeder Araberhengst automatisch zuchtberechtigt ist. Damit unterliegt die Verantwortung für eine Leistungsselektion allein dem Züchter.

Die Zeiten in denen Arabergestüte ihre künftigen Zuchttiere (Hengste UND Stuten) noch als Leistungsprüfung auf die Rennbahn oder in den Distanz-Sport geschickt haben sind entschieden vorbei. In Deutschland sind Araber-Rennen ohnehin eine echte Randerscheinung und die Konkurrenz unbedeutend.

Unter solchen Voraussetzungen kann man dieser Rasse nicht mehr per se eine genetische Disposition für Härte unterstellen. Denn Härte verfliegt, wenn andere Kriterien im Vordergrund der Selektion stehen. Hierfür müsste konsequent durch Sporteinsatz auf Rennbahn oder Distanzritten die Leistung überprüft und vor allem von den Züchtern nachgefragt werden. Stattdessen sind es heute eher einzelne Idealisten, die derlei hohe Maßstäbe anlegen.

 

 

 

 

 

Die Etablierung einer finanziell lukrativen und hoch angesehenen Araber-Schauszene hat dafür einen neuen Zweig der Betätigung geschaffen. Dort werden Araber aller Altersgruppen nach Maßstäben beurteilt, die einer Warmblut-Fohlenschau nicht unähnlich sind. Dabei stehen Typ und Bewegungsdynamik im Vordergrund. Sobald als Bewertungsmaßstab Optik vor Leistung tritt, ist mit einem Rückgang der Leistung zu rechnen. Insbesondere wenn eine solche Szene einen Sporteinsatz ablehnend gegenübersteht. Kein Wunder also, dass solche hochgezüchteten Modepüppchen von Sportreitern nicht als Leistungspferd wahrgenommen werden.

Allenfalls das Landgestüt Marbach erlaubt sich als großer Züchter eine Araberzucht, die auf Reiteigenschaften ausgelegt ist. Hier werden die Hengste zumindest sporadisch noch unter dem Sattel gezeigt-

 

Fazit

Der moderne Araber hat ein Zuchtziel, das sich immer weiter vom Reitpferd für den Turniersport entfernt. Seine Stärke liegt unbestritten im Distanzsport und seine großartigen Leistungen dort sollen durch meine kritischen Worte nicht an Bedeutung verlieren. Mein Blickwinkel liegt jedoch im Springsport und da nutzt nur der nüchterne Blick auf die Fakten und keine Glorifizierung von nicht prüfbaren Eigenschaften. 

Trotz aller Sympathie für diese schönen Pferde, muss man in der Einschätzung deren sportlichen Möglichkeiten realistisch bleiben. Diejenigen Rassevertreter, die mit ihrem Springvermögen überzeugen, sind extrem rar. Ich spreche hier ausdrücklich nicht von der Sorte Springvermögen, das notwendig ist, um unter dem Amateur ein gutes Freizeit- oder Jagdpferd abzugeben, sondern schon von Vermögen ab M-Springen aufwärts. Denn das ist es, was der Springpferdezüchter anvisieren muss, um eine ernsthafte Selektion betreiben zu können. Daraus folgt nur eine mögliche Antwort: Araber und Springvermögen passen nicht zusammen.

Wenn also der Einsatz von Arabern in der Warmblutzucht geplant ist, muss die erste Frage lauten: Mit welchem Ziel? Weder sollte man sich Härte noch Galoppiervermögen erwarten, da ist der Englische Vollblüter schlicht die geeignetere Wahl. Es sind Einschränkungen in der Größe zu erwarten, sowie Abstriche in Rücken und Kruppenformation. Somit bleiben lediglich Charakterwerte und Optik übrig, was doch erheblich nach Liebhaberei klingt.

 

 

 

Verfasst im April 2016

 

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