Warum nicht Vielseitigkeitspferde züchten? 

 

Als Züchterin mit Vollblutstuten und hoch im Blut stehenden Pferden höre ich oft die Frage: „Warum züchtest du keine Vielseitigkeitspferde?“

 

Nun wäre es aus Vermarktungsgründen sicher sinnvoll darauf hinzuweisen, dass meine Nachzucht in Sachen Einstellung und Blutanteil tatsächlich eine interessante Anschaffung für einen Vielseitigkeitsreiter sein dürften. (Sollten meine Zuchtprodukte später Buschpferde werden, würde ich das durchaus begrüßen, denn nirgendwo sonst trifft man in solcher Breite auf Reiter, die ihren Sport leben und nicht auf Kosten der Pferde betreiben!)

Und dennoch muss ich einer gezielten Zucht von Vielseitigkeitspferden ein klares „Nein!“ erteilen. Dies gleich aus mehreren Gründen:

 

1. Springveranlagung erhalten ist nur durch Spezialisierung möglich

 

2. Doppelbegabung ist nicht immer ein Qualitätsmerkmal

 

3. Ein hoher Blutanteil macht noch kein Vielseitigkeitspferd

 

 

Diese Haltung möchte ich gern näher erläutern:

 

1. Springveranlagung erhalten ist nur durch Spezialisierung möglich

 

Im Springsektor kann man nur durch Erhaltung eines hohen Niveaus der Spezialisierung die Qualität der Pferde erhalten und verbessern. Dies ist eine absolute Wahrheit, weil wissenschaftliche Untersuchungen ergeben haben, dass Springvermögen a) stark erblich bedingt ist und b) in negativer Korrelation zur Dressurveranlagung steht.

Demzufolge besteht die einzige Chance Spring-Spezialisierung nachhaltig zu verbessern darin, streng auf Springleistung zu selektieren. Mangelnde Konsequenz in dieser Zielsetzung behindert den Zuchtfortschritt. Bei der Masse an qualitätvollen Springpferden existiert zwar Spielraum, um Vorlieben wie Bewegungsqualität oder Typ zu berücksichtigen, aber das übergeordnete Ziel der Springveranlagung darf nicht sekundär werden.

Ein geringeres Zuchtziel als der „Große Sport“ reduziert den Zuchtfortschritt darüber hinaus erheblich. Denn in einer Zucht fallen ohnehin immer auch Pferde an, die den Anforderungen für den Spitzensport nicht genügen. Daher sollte man sich nicht noch wissentlich mit weniger zufrieden geben. Eine sinnvolle Springpferdezucht muss leistungsorientiert sein.


 

2. Doppelbegabung ist nicht immer ein Qualitätsmerkmal

Es ist ein schmaler Grat zwischen echtem Doppeltalent und Mittelmäßigkeit in beiden Sparten. Ein vielseitig verwendbares Reitpferd als Zuchtziel birgt die Gefahr, dass Nachzucht entsteht, die in beiden Sparten nicht auf höchstem Niveau überzeugen kann. (Siehe Artikel: Doppelvererber – Makel oder Auszeichnung?)

 

Für eine an Sportleistung orientierte Zucht ist ein Pferd, das sich vom Amateur in beiden Disziplinen bis Klasse L reiten lässt, beinahe schon eine Selbstverständlichkeit. Bei dem heutigen Niveau der Sportpferdezucht muss man sich dies nicht mehr als Zuchtziel auf die Fahne schreiben. Dies ist mehr eine Frage der reiterlichen Ausbildung, denn der Veranlagung. Das Zuchtziel „vielseitiges Reitpferd“ erfordert demnach keine weitere Selektion und sofern es das einzige Zuchtziel ist, verhindert es Spezialisierung.

 



3. Ein hoher Blutanteil macht noch kein Vielseitigkeitspferd

 

 

 

 

 

Ein Vielseitigkeitspferd zeichnet sich durch viele Qualitäten aus, die nicht allein am Blutanteil festgemacht werden können. Auch wenn die Spezialdisziplinen Dressur und Springen in der Vielseitigkeit immer mehr an Gewicht gewinnen, braucht es nach wie vor den richtigen Charakter für ein erfolgreiches Buschpferd.

 

Für den Erfolg im Busch sind Qualitäten wie Mut, Geist, Härte und Leistungsbereitschaft besonders wichtig. Diese Charaktereigenschaften lassen sich nun mal nicht allein an der Abstammung festmachen, auch wenn sich hiermit Wahrscheinlichkeiten erhöhen.

Diese Eigenschaften können genetisch vorhanden sein, aber müssen eben zusätzlich durch einen Lernprozess unter dem Sattel etabliert werden. Ob das Pferd sich für den Busch bewähren kann, bestimmt zu einem großen Anteil seine reiterliche Ausbildung. Nicht weil die Einwirkung des Reiters wichtiger ist, als die genetische Disposition, sondern weil das vertrauensvolle Heranführen wichtig ist, um dieses Potential abzuschöpfen.

Es hat seinen Grund, warum alle späteren Top-Pferde bereits in jungen Jahren an die geforderten Aufgaben gewöhnt werden und nicht beliebig aus anderen Spezialdisziplinen in die Vielseitigkeit wechseln. Das Herz und den Mitmachgedanken trotz immer spektakulärer Hindernisse muss sich das Pferd in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem Reiter erarbeiten und sorgsam aufwachsen. Sonst ist keine zuverlässige Mitarbeit gewährleistet.

 

Ein Züchter kann für so viel Herz lediglich die richtigen Grundlagen schaffen und ein hoher Blutanteil ist hierfür sicher hilfreich, aber noch längst nicht alles. Natürlich hilft der hohe Blutanteil auch in den heutigen Prüfungsformen vor allem beim „Meter machen“ im Busch (Stichwort Galoppiervermögen, Regenerationsfähigkeit, physische Härte). Das selbstständige Mitdenken des Pferdes und eine gewisse eigenständige Geschicklichkeit sind im Busch eher geduldet und sogar gefordert als in anderen Disziplinen.

 

  

 

 

Die eigentliche Frage ist aber doch, warum legt man mir die Vielseitigkeit als Zuchtziel nahe? Das lässt in meinen Augen tief blicken. Die heutige Vermarktungssituation, wo Springpferde als Fohlen und Jungpferde nur mit absoluten Spitzen-Abstammungen an den Mann zu bringen sind, legt eine Verschiebung des Zuchtziels für marktorientierte Züchter nahe. Ein Springpferd verkauft man als Fohlen nur mit einem wirklich überzeugenden Pedigree. Aus einer Vollblutmutter ist solch ein Vorhaben reichlich aussichtslos.

 

Also doch nur ein wohlmeinender Ratschlag? Aber gerade Vielseitigkeitsreiter sind so gar nicht für einen reißenden Absatz am Fohlenmarkt bekannt. Das kann also auch nicht der wahre Grund sein, denn größere Vermarktungserfolge sind hier ebenfalls nicht zu erwarten, bevor das Pferd angeritten oder besser noch volljährig und sporterfolgreich ist.

 

Der wahre Grund für die Frage ist wohl eher, dass aus Vollblutstuten niemand herausragende Springpferde erwartet. (Nicht, dass solch ein Zuchtprojekt in Deutschland jemals in der Breite versucht worden wäre…) Ist das Zuchtziel Springpferd auf Vollblutbasis denn wirklich so abwegig? Schließlich sind in den Ranglisten des WBFSH regelmäßig hoch im Blut stehende Pferde bei den Springpferden zu finden und ein Vollblutanteil von 44% ist der Durchschnitt. Wo soll der in Zukunft herkommen, wenn man nicht mit der Einkreuzung von reinem Vollblut anfängt? Oder ist es mehr das Festhalten an liebgewonnen Gewohnheiten? Weil nicht ist, was nicht sein kann?

 

 

 

Vielseitigkeitspferde sind wohl am ehesten das, was der geneigte Warmblutzüchter mit Vollblut assoziiert. Vollblüter sind doch so erfolgreich in der Vielseitigkeit, richtig? Und wieder ein Irrtum! Die Vermutung die meisten Vollblüter wären in der Vielseitigkeit zuhause, ist falsch. De facto zeigen die Daten des Jahrbuchs Sport und Zucht der FN Jahr für Jahr (und dies sogar seit mehreren Jahrzehnten!) sehr deutlich, dass es rein zahlenmäßig wesentlich mehr Vollblüter als Springpferde mit Erfolgen im Sport gibt, als Vielseitigkeitspferde. Natürlich werden auch mehr solcher Prüfungen ausgeschrieben, aber das schmälert ja nicht die erfolgreiche Sportleistung.

 

 

 

Warum stört mich diese Frage überhaupt?

 

Vielseitigkeitspferden wird oft nachgesagt, sie wären nicht gut genug als Spezialisten in Dressur oder Springen - und oft genug ist es auf ländlichem Niveau tatsächlich so. Vielleicht liegt es daran, dass man einem Vollblüter schlicht die zu erbringende sportliche Leistung wirklich zutraut, aber Galoppieren, ja das können die doch! Den meisten Springreitern wird aber nicht bewusst sein, dass ein Pferd für 3-Sterne Prüfungen im Idealfall genug Vermögen für ein S-Springen mitbringen sollte.

 

Ich gebe zu, man könnte es sich mit der Zucht von Springpferden leichter machen, indem man auf aktuell angesagte Springvererber setzt und auf eine stete Vollblutzufuhr verzichtet. Aber das halte ich nicht für besonders weitsichtig. Vollblut ist der Motor des Fortschritts in der Pferdezucht und ist nötig für hochmotivierte Reitpferde und Leistungssportler.

 

 

Vollblüter werden nicht auf Reitpferdeeigenschaften selektiert, was viele Warmblutzüchter zu der Annahme hinreißt, Schwächen in Kauf nehmen zu müssen. Und dennoch gibt es Individuen bei den Vollblütern, die mit überragenden Gängen oder exzellentem Springvermögen auffallen. Das sind Vollblüter, die in Punkto Eigenleistung den Vergleich mit ihren warmblütigen Kollegen nicht scheuen müssen. Solche Pferde sind an der Gesamtpopulation gemessen wohl eher Einzelfälle, aber es gibt sie durchaus.

 

Ein hohes Leistungsniveau und Reitkomfort sind in meinen Augen zwingende Voraussetzungen für einen Vollblüter, um eine Berechtigung für die Warmblutzucht zu haben. Ich bin stolz darauf Vollblutstuten für meine Zucht gefunden zu haben, die sich in ihrer Qualität mit den gekörten Vollbluthengsten in Deutschland unschwer messen können. Daher halte ich mein Modell des blütigen Springpferdes für durchaus ambitioniert, aber nicht unmöglich.

 

Der eigentliche Kampf gegen die Windmühlen beginnt bei der Vermarktung als Springpferd. Denn dies erfordert, dass der spätere Besitzer ebenfalls an dieses Ziel glaubt.

 

 

 


Verfasst im April 2014


 

 

 

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