Vollblutstuten in der Warmblutzucht

Grundsatzüberlegungen

"Mut zum Blut" ist für mich keine hohle Phrase. Es waren (fast) immer die besonders blutgeprägten Pferde, die ich reiten durfte, die mir wegen ihrer Pfiffigkeit und Leistungsbereitschaft in besonders positiver Erinnerung geblieben sind. Trotz so manchem  deutlich sichtbaren Exterieurfehler waren sie meist diejenigen Pferde, die einem beim Reiten ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. Die nun folgenden Ausführungen sollen deshalb die Rolle des Vollbluts und hier vor allem der Vollblutstute in der Warmblutzucht näher erläutern.

 

Dance and win xx 2008

Marquess von Matcho AA  (Hannoveraner) 2007

Eagle Prince von Abdullah xx (ISH) 2005

 


Der Wert von Vollblut in der Warmblutzucht

„Blut ist der Saft, der Wunder schafft“, so steht es am Graditzer Stutenstall und tönt es auf vielen Veranstaltungen zum Thema Vollblut. Und tatsächlich: Ein Schuss Vollblut ist wichtig, um für physische Härte, Intelligenz, Regenerationsfähigkeit und die nötige Spritzigkeit der Pferde im Leistungssport zu sorgen. Dahingehend sind sich Züchter, Top-Reiter und Verbände durchaus einig.

In Wahrheit hält sich der Mut deutscher Warmblutzüchter Vollblut in ihrer Zucht einzusetzen jedoch in Grenzen. Während gelungene Halbblut-Stutfohlen bei Züchtern zur Weiterzucht durchaus erwünscht sind, stellen sich vor allem bei Hengstfohlen erste Absatzschwierigkeiten ein. Bei Reitern steht Vollblut oftmals für schwierig zu händelnde Pferde, was den Verkauf von hoch im Blut stehenden Pferden vor dem Remontenalter deutlich erschwert.

Man könnte zusammenfassend schon fast von einem notwendigen Übel sprechen, dass Vollblut in den vorderen Generationen eingekreuzt werden muss, um dann wie erwünscht weiter hinten im Pedigree aufzutauchen. Eine direkte Folge daraus ist, dass die Blutzufuhr in den meisten Zuchtstätten bis zum Letzten aufgespart und erst bei gänzlich blutleerem Papier ein Zuchtversuch mit einem Vollblut erwogen wird. Dass diese letzte Zuflucht mit Reitelefant x Vollblut dann an den entgegengesetzten Extremen scheitert, dürfte eigentlich nicht weiter verwundern.

 

Vollblut als Begründer von Warmblut-Dynastien

Dabei wird scheinbar vergessen, dass eine Vielzahl unserer heutigen Spitzen-Hengstlinien ursprünglich auf einen Vollblüter zurück gehen. Man denke nur an den Einfluss von Ladykiller xx (Lord, Lordanos), Manometer xx (Moltke), Marlon xx (Mamor, Mahmud), Cottage son xx (Capitol, Cassini), Rantzau xx (Cor de la Bryère, Caletto), Rittersporn xx (Ramzes AA, Ramiro, Rubinstein), Silver Matal xx (Silvester) allein in der Holsteiner Zucht.

Aber auch Black Sky xx (Bolero, Brentano), Der Löwe xx (Lugano), Furioso xx (For Pleasure, Florestan), Goldschaum xx (Gotthard, Grande), Pik As xx (Pik Bube) in Hannover zeugen von dem wichtigen Einfluss des Vollblutes.

Jeder Zuchtverband kann Vollblüter vorweisen, die entscheidenden Einfluss auf die Rasse als Ganzes genommen haben. Diese Eigenschaft als Begründer von ganzen Dynastien geht zwar vor allem von Vollbluthengsten aus, was jedoch durch die viel höhere Nachkommenzahl der Hengste nur natürlich ist. Es ist wirtschaftlich sinnvoll von Verbänden auf Vollbluthengste zu setzen und für Züchter das geringere Risiko um einmal einen Vollblüter in der Zucht einzusetzen.

Aber es gibt durchaus auch Stuten wie Wundermädel xx (Trakehner), Tiffy xx (Oldenburg), Hanover Hope xx (Westfalen) oder Herka xx (Oldenburg/ Württemberg) denen es gelang durch mehrere hervorragende Sportler und gekörte Hengste Großes zu bewirken und den mutigen Zuchteinsatz einer Vollblutstute mehr als belohnt haben. Insgesamt sind deutschlandweit knapp 400 Vollblutstuten in der Warmblutzucht aktiv, davon wurden allein 80 im Jahr 2009 in Stutbüchern neu aufgenommen.

 

Gehäufte Vorbehalte

Eine Sportpferdezucht auf einer Vollblutstute aufzubauen ist in Deutschland aber dennoch nicht weit verbreitet. In Ländern mit großen traditionellen Vollblutzuchten wie Irland, Neuseeland oder Amerika tun sich Züchter sicher leichter mit dem Einsatz von Vollblutstuten, denn hier haben Rennpferde in Reitsport und Sportpferdezucht mehr Tradition. Dabei gelten gerade deutsche Vollblutstämme im Ausland als eine besonders homogene Zucht mit durchaus korrekten und vor allem leistungsstarken Pferden. Warum also nicht auf einer Vollblutstute einen Sportpferdestamm aufbauen?

Der Einsatz von Vollblutstuten in der Warmblutzucht birgt sicher Chancen und Risiken. Dennoch scheint es, als ob die Risiken in Deutschland überbewertet werden. Der Grund hierfür liegt zum Teil sicher an der fehlenden Auseinandersetzung der Warmblutzüchter mit der Vollblutpopulation, was zu vielen Vorurteilen und verhärteten Fronten führt. Nur die wenigsten Warmblutzüchter haben sich genug Vollblüter auf Rennbahnen und Gestüten angesehen, um deren Leistung und Reitpferdeeigenschaften wirklich einschätzen zu können.

Das Risiko einer nicht auf Reitpferdemerkmale hin gezüchteten Rasse, wird von vielen Warmblutzüchtern als sehr hoch wahrgenommen. Die Angst mit der F1-Generation Endprodukte zu schaffen, die wohlmöglich im Sport nicht an die Qualität ihrer spezialisierten Eltern heranreichen und züchterisch in der weiteren Anpaarung streuen, ist groß. Man weiß schließlich nicht, welche Vollblutahnen in der Anpaarung später durchschlagen, auch wenn die Stute selbst phänotypisch hervorragend geeignet erscheint.

Insbesondere auch die Sorge vor Fehlstellungen und mangelhafter Gangkorrektheit sind im Hinblick auf die Gesamtpopulation des Vollbluts vielleicht durchaus begründet. Schließlich findet in dieser Hinsicht keine nennenswerte Selektion bei Vollblütern statt, solange die Rennleistung stimmt. Die meisten Warmblut-Zuchtverbände hingegen dulden Verstellungen oder Gangunkorrektheiten bei Stutbuch-Eintragungen und Körungen nicht. Aber auch hier lassen sich Totalausfälle mit der bedachten Wahl der Zuchttiere weitgehend ausschließen.

 

Wovor haben Warmblutzüchter Angst?

Die unbestrittenen Vorteile des Vollbluteinsatzes sind vielen Züchtern bekannt. Dennoch scheuen sich die meisten Züchter die gefürchteten, als unausweichlich erachteten negativen Konsequenzen wie etwa zu wenig Rahmen, zu feine Gliedmaßen, mangelnde Größe, tiefer Halsansatz oder grobe Verstellungen in Kauf zu nehmen. Dabei sind diese erwarteten Mängel in der Vererbung eines Vollblutes keine Selbstverständlichkeit. Auch aus Vollblutmüttern lassen sich Halbblüter mit Rahmen, Größe, harmonischem Exterieur und korrektem Fundament ziehen.

Dabei ist die Argumentation vieler Züchter gegen den Einsatz von Vollblutstuten nicht immer schlüssig. Die Unkenntnis über den Stutenstamm lässt sich mit der Beurteilung der unmittelbaren Verwandtschaft durchaus einschätzen. Zugegebenermaßen beinhaltet die Überprüfung der Verwandtschaft in der Regel keine Erfolge im Reitsport, sondern höchstens Eigenleistung auf der Rennbahn. Jedoch lässt sich anhand des Exterieurs, der Beurteilung des Potentials als Reitpferd und des Charakters auf die Reitpferdeeignung schließen. Und wenn bereits aus Anpaarungen zwischen Vollblütern Pferde mit den gewünschten Reitpferde-Eigenschaften hervorkommen, wie viel besser stehen dann erst die Chancen auf ein zufriedenstellendes Ergebnis mit einem passenden Warmbluthengst?

Schließlich lässt sich auch bei einer zugekauften Warmblutstute mit noch so gutem Papier ein Versagen in der Zucht oder die Vererbung von unerwünschten Merkmalen nicht komplett ausschließen. Der Phänotyp muss auch hier nicht dem Genotyp entsprechen.

 

Warum nicht einfach Vollbluthengste nutzen?

Dieselben oben aufgeführten Argumente gegen den Vollbluteinsatz gelten sicher gleichermaßen für den Einsatz von Vollbluthengsten wie von Vollblutstuten. (In der Tat erfreuen sich selbst gute Vollbluthengste keiner besonders starken Frequentierung.) Alle im direkten Vergleich zum Warmblut erkannten Schwächen beim Vollblut werden meist gnadenlos aufgedeckt und als zu gravierend erachtet, um nur den Versuch einer Anpaarung zu unternehmen.

Jedoch hat ein Hengst zumindest den Vorteil, dass er in einem Zuchtjahr gleich mehrere Nachkommen zeugen kann, die eingehend auf ihre Qualität hin beurteilt werden können, bevor man ihn weiter einsetzt. Bei einer Vollblutstute hingegen trägt allein der Züchter das volle Risiko für die Bedeckung und eine möglicherweise schlechte Vermarktbarkeit des Fohlens.

Man kann es sich als Züchter also auch einfach machen und Menschen mit Ahnung von der Materie umherreisen und Vollblüter einschätzen und anerkennen lassen. Wenn dieser von einer Körkommission als ordentlich befundene Vollbluthengst dann passend erscheint und entsprechend qualitätvolle Nachzucht vorhanden ist, kann man ihn immer noch an seine eigene Warmblutstute anpaaren.

Diese Art der Risikominimierung ist zwar nachvollziehbar, jedoch vertut ein Züchter mit diesem Ansatz auch einiges an Chancen. Der Einsatz einer Vollblutstute bringt durchaus Vorteile gegenüber einem Vollbluthengst. Ein Züchter kann Eigenschaften wie Charakter, Leistungsbereitschaft und Rittigkeit seiner Stute in der täglichen Arbeit sehr viel besser einschätzen, als bei einem Hengst, der in der Regel nur bei öffentlichen Auftritten zu betrachten ist. Im Normalfall wird deswegen der Züchter mehr Informationen über seine Stute und deren unmittelbare Verwandtschaft zusammengetragen haben, als ihm diese Erfahrung aus erster Hand über den Hengst vorliegt.

 

Die Anzahl an im Deckeinsatz stehenden Vollbluthengsten in der deutschen Warmblutzucht ist bestenfalls überschaubar. Insbesondere bei Vollbluthengsten für die Springpferdezucht ist die Anzahl sogar erschreckend gering. Mit der schwindenden Verfügbarkeit von geeigneten Hengsten geht einher, dass es schwierig ist einen Hengst zu finden, der in allen Punkten den Erwartungen des Züchters entspricht. Dies hat wiederum zur Folge, dass sich die Anzahl an Züchtern, die diesen Schritt wagen weiter abnimmt.

Es ist demnach einfacher eine zuverlässige Blutzufuhr über gute Vollblutstuten zu sichern und dann in der riesigen vorhandenen Population nach einem wirklich zu 100% passenden Warmbluthengst zu suchen, als umgekehrt. Die Qualität der Elterntiere wird mit dieser Methode im Regelfall eine höhere Qualität haben und auf jeden Fall besser zueinander passen.

Die Anpaarung einer Vollblutstute hat für den Züchter darüber hinaus den Vorteil der Unabhängigkeit. Bei der Hengstauswahl ist Freiraum für verbandsübergreifende, durchdachte Anpaarungen mit rundum überzeugenden Hengsten. Weder unerwünschte Inzucht-Komponenten, noch fehlende Zulassungen für das eigene Zuchtgebiet schränken den Züchter in seiner Hengstwahl ein.

 

Erhaltung der Blutvielfalt

In Zeiten des Vorherrschens von gut zu vermarktenden Modeblutlinien und einhergehendem Einheitsbrei der Abstammungen bringt eine Vollblutstute frisches Blut ins Spiel. Angesichts der Tatsache, dass die Anpaarung einiger weniger Körungs-, HLP- oder Bundeschampionats-Sieger mit hunderten von Stuten zur Verarmung der genetischen Vielfalt führt, können Stuten mit einem neuen Stamm im Hintergrund als eine echte Bereicherung zur Erhaltung von bewährtem Blut angesehen werden. Gerade mit deutlichen Inzuchtkomponenten belastete Hengste, die in ihrem eigenen Zuchtgebiet aufgrund der zu hohen Inzuchtgrade schwierig anzupaaren sind, können besonders effektiv an eine Vollblutstute angepaart werden.

Bei der Anpaarung an eine Vollblutmutter kann der Züchter dafür sorgen, dass zumindest der Vater des Tieres eine Vererbergröße mit Widererkennungswert ist. Die Chancen, dass ein Reiter und Fohlenkäufer den Namen eines beliebigen Vollbluthengstes kennt ist (von Lauries Crusador xx oder Heraldik xx vielleicht abgesehen) hingegen verschwindend gering.

 

Die Wichtigkeit der Mutterlinie

Immer wieder wird von Sportpferdezüchtern behauptet, dass Merkmale wie Durchhaltevermögen und Leistungsbereitschaft besonders stark von der Mutter beeinflusst werden. Diese Theorie kann mittlerweile auch wissenschaftlich bekräftigt werden, denn nur über die Mutterseite wird die mitochondriale DNA dem Fohlen mitgegeben.

Der Anteil der mütterlichen Erbanlagen aus der Eizelle macht insgesamt zwar weniger als 0,1% der Erbanlagen aus, dennoch haben aber gerade diese Erbanlagen besonderen Einfluss auf das körperliche Leistungsvermögen und den Muskelstoffwechsel des Nachwuchses. Welche Mutter könnte da besser geeignet sein, als eine streng auf Leistung gezogene Vollblutstute?

Aus der Forschung um den Embryonentransfer ist außerdem hinlänglich bekannt, dass eine Stute mit viel Bewegungsdrang dafür sorgt, dass ihr Fohlen sich mehr bewegt und dies dem Fohlen in der weiteren Entwicklung äußerst zuträglich ist.

 

 

 

Verfasst im Mai 2010

 

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