Vollblüter rundfüttern - Wie geht das?

 

Immer öfter werde ich gefragt, wie man Vollblüter so richtig gut in Schuss bringt. Dazu habe ich folgende Anregungen, die so manchem Warmblutzüchter die Nackenhaare aufstellen werden... aber sich bei hoch im Blut stehenden Pferden absolut bewährt haben.

 

Jeder Züchter und Reiter mit Erfahrung in der Haltung von Vollblütern wird bestätigen, dass Vollblüter überdurchschnittlich viel Kraftfutter benötigen. Der höhere Energiebedarf wird in der Regel mit dem höheren Muskelstoffwechsel und größerer Bewegungsfreude begründet (Siehe auch meinen Beitrag zum Thema Muskelfasertyp).

Die Kraftfutterrationen von Vollblütern können bedenkenlos auf ein Niveau erhöht werden, bei dem ein normaler Warmblüter aus allen Nähten platzen würde. Ich habe noch keinen Vollblüter erlebt, der von Haferfütterung -selbst in rauen Mengen- spinniger geworden wäre. Im Gegenteil, Vollblüter brauchen erhebliche Kraftfuttermengen, um Substanz und Muskulatur aufzubauen. Das für eine optimale Fütterung ebenfalls reichlich Heu zur Verfügung stehen muss (am besten ad libidum), versteht sich von selbst. Diese großen Mengen Raufutter sind schon notwendig, um das Darmmillieu des Pferdes zu neutralisieren.

Wer schon mal ein paar richtig gute Vollblutgestüte besichtigt hat, weiß auf welch hohem Niveau hier die Pferde versorgt werden. Der 0815-Warmblutzüchter kann mit den üblichen Aufzucht-Methoden da in keinster Weise mithalten. Entsprechend fertig und früh entwickelt sind die Vollblüter dort bereits in jungen Jahren, ohne jemals gemästet zu wirken. Sie sind kraftvoll und muskulös, bewegen sich ausgiebig und wirken auf den Warmblutzüchter extrem frühreif.

Woher kommt also das Vorurteil Halbblüter (oder generell hoch im Blut stehende Pferde) seien spätreif? Mir ist das ehrlich gesagt schleierhaft, denn trotz aller Wachstumsschübe haben sich die mir bekannten ordentlich betreuten Halbblüter nie als Spätentwickler präsentiert.

 

Wie sieht das in Zahlen aus?

Ich habe lange gezögert Kilo-Angaben zu machen, da jedes Pferd als Individuum betrachtet werden sollte und nicht jeder Vollblüter gleich schwerfuttrig ist. Die folgenden Zahlen sollen daher lediglich als Anhaltspunkt für die Überprüfung der bisherigen Ration dienen.

Bei mir sind 3-4kg Kraftfutter täglich für einen Vollblüter zur Deckung des Erhaltungsbedarfs nichts Ungewöhnliches. Bei leichter bis mittlerer Arbeit werden dann schnell 5kg daraus. Für den Aufbau eines Deckhengstes, der sich etwa in Schaukondition zur Körung präsentieren soll, sind 6-8kg Kraftfutter bei leichter Arbeit durchaus üblich. Eine Zuchtstute im letzten Drittel der Trächtigkeit kann ruhig dieselbe Menge vertragen. Eine Zuchtstute mit Fohlen bei Fuß oder ein Deckhengst leisten Schwerstarbeit und sollen dementsprechend gefüttert werden, wenn sie nicht erheblich an eigener Substanz einbüßen sollen.

Die Art des Kraftfutters, die sich bei mir im Stall nach Rücksprache mit einigen VB-Gestüten und reichlich eigener Praxiserprobung bewährt hat, sieht folgendermaßen aus: Meine Fütterungs-Überzeugungen.


Arbeit macht froh!

Richtig gut sehen Vollblüter oft erst aus, wenn sie nicht nur reichlich Futter erhalten, sondern auch gearbeitet werden. Vollblüter sind Sportler und es schlägt sich auf ihre Laune nieder, wenn sie nicht arbeiten dürfen.

Die Behauptung Vollblüter würden nie so muskulös werden wie Warmblüter kann man so nicht stehen lassen. Denn zuerst einmal gibt es „DEN" Vollblüter nicht. Die Typenvielfalt reicht schließlich von kompakt-muskulösen Sprintern bis hin zu den Steher-Typen mit langen, schlanken Linien. Daher gibt es auch genügend Vollblüter, die mit der richtigen Arbeit ganz schnell Muskelmasse aufbauen und andere, die weniger dazu neigen.

Aber selbst die schmalen Windhundtypen verändern sich gewaltig im Erscheinungsbild, wenn sie in die Arbeit kommen. Eine Zunahme von 1-2 Kammerweiten im Sattel ist keine Seltenheit, wenn sie aus der Weide- oder Rennkondition in die dressurmäßige Arbeit kommen.

Selbst leichte Arbeit (Trabarbeit an der Longe für 15-20 Minuten, ca. 2-3 Mal die Woche) lässt Vollblüter bei guter Fütterung ganz schnell Muskulatur aufbauen. Wenn bei der beschriebenen leichten Arbeit nicht innerhalb von 4-6 Wochen eine deutlich sichtbare Veränderung der Muskulatur auftritt, so sollte man sich über die Qualität der Arbeit Gedanken machen!

 

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Die Mähr vom spätreifen Blutpferd

 

 

Verfasst im Mai 2012

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