Vollbluteinsatz im Wandel der Zeit

 

 Vom Erfolgsmodell zum Ladenhüter?

Der Vollbluteinsatz wurde durch die Notwendigkeit das schwere Arbeitspferd zu veredeln zum Erfolgsmodell in der Warmblutzucht. Vollblüter konnten Sportlichkeit und Adel in die Zucht einbringen. Deswegen wurden Vollblüter in großer Breite genutzt und konnten auf dieser breiten Stutenbasis entsprechende sportliche Erfolge erzielen. Die direkte Nachzucht der Vollblüter (F1-Produkte) war sportlich bis aufs höchste Niveau absolut konkurrenzfähig.

Eine wichtige Erkenntnis lautet, dass der Siegeszug der Vollblüter auf breiter Basis begann. Die Genetik bringt es mit sich, dass sie keine exakte Materie ist und Varianz hervorbringt. Nimmt man aber dem Vollblüter die breite Stutenbasis, die notwendig war, um Vererbungstendenzen zu erkennen, so sinkt die Erfolgsquote bei seinen Nachkommen.

Das liegt ganz einfach daran, dass sportlicher Erfolg sich im Pferdesport durch die Vielzahl an Umwelteinflüssen auch aus der Masse an Nachkommen rekrutiert. Eine solche kritische Masse erfordert hohe Bedeckungszahlen, was den meisten Vollblütern heute verwehrt bleibt. Bleiben die Bedeckungszahlen niedrig, so kann sich auch ein sehr guter Vollblüter nicht seinem Wert entsprechend darstellen. Mit wenigen Stuten mittelmäßiger Qualität lassen sich keine Topsportler zeugen. Der sportliche Erfolg bleibt aus. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Es heißt gemeinhin, nur die besten Stuten sollen zum Blüter. Das hat seinen guten Grund, wird aber leider viel zu wenig beachtet. Im Gegenteil wendet sich der Züchter heute in der Regel erst dann dem Vollblut zu, wenn es eben gar nicht mehr anders geht. Vollblut ist in Zeiten schlechter Marktlage nun einmal finanzieller Selbstmord für kleine Züchter.

 

Vererber-Größen: Das waren noch Zeiten!

Der Löwe xx

Ladykiller xx

Furioso xx

 

Qualität der Vollblüter sinkend?

Der sportliche Wert ist dem Vollblüter heute abhanden gekommen, klagen die Züchter. Diese Aussage verwechselt aber meiner Ansicht nach Ursache und Wirkung. Denn wenn es darum ginge aus Ackergäulen Sportpferde zu zaubern, dann hätten Vollblüter noch heute denselben Erfolg wie damals. Ein Blick auf die klassisch Irische Kreuzungszucht von Kaltblut und Vollblut zur Erhaltung der besten Qualitäten beider Rassen auf der grünen Insel beweist dies. Das funktioniert immer wieder aufs Neue.

Vielmehr hat sich -in meinen Augen- der Anspruch der Züchter an den Vollblüter drastisch gewandelt. Denn die dringende Notwendigkeit für athletische Pferde auf Vollblut zurückzugreifen ist vorbei. Durch Selektion auf einen sportlichen Typ ist bei unseren heutigen modernen Sportpferden der Vollblüter beinahe überflüssig geworden. Manche schwerere Populationen profitieren noch von seinem Veredelungseffekt, andere Populationen sind darauf nicht mehr so dringend angewiesen.

Der heutige Vollblüter muss also nicht mehr nur Sportlichkeit (Muskelfaser, Regenerationsfähigkeit, Härte) mitbringen, sondern auch in den Spezialdisziplinen konkurrenzfähig sein. Das ist ein ganz neuer Anspruch. Früher ging es um klassische Veredelung, durch die Weiterentwicklung der Spezialisierung unserer Zucht sind nun weitere Qualitäten gefragt. Die alte Formel geht einfach nicht mehr auf.

Es müssten also neue Wege gegangen werden. Aber selektiert wird der Vollblüter für diese neue Rolle immer noch nach dem alten Modell. (Artikel: Nutzen wir die richtigen Vollbluthengste in der Warmblutzucht?)

 

Die Behauptung, dass die heutigen Vollblüter einfach nicht mehr so gut geeignet sind wie früher, verkennt den Wandel der Warmblutzucht. Aber auch in der Vollblutzucht hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges verändert.

Die Entwicklung in der Vollblutzucht in Deutschland geht weg von Extremstehern hin zu Sprintertypen und frühreifen Pferden. Das hat sicher zu Veränderungen im Phänotyp von Vollblütern in Deutschland beigetragen. Aber ich glaube nicht, dass die Vollblüter deswegen grundsätzlich schlechter geeignet wären die Warmblutzucht zu bereichern. Die Typenvielfalt war früher und ist aktuell noch immer groß. Gerade die deutsche Vollblutzucht bringt noch reichlich für die Warmblutzucht geeignete Pferde hervor. Die richtigen Pferde müssen nur erkannt werden. Und hier wird gleich der nächste Denkfehler begangen. Statt nach Reitpferdequalitäten Ausschau zu halten, wird auf den edlen Typen gesetzt, mit feinen Gliedmaßen und langen Linien. Ein Exterieurwunder.

Es werden in meinen Augen immer wieder falsche Hoffnungen in Ideal-Beschäler gesetzt, die ein herausragendes Exterieur mitbringen, aber nicht mit (Spring-)Leistung punkten können. Während diese Taktik bei Züchtern von typschönen Dressurpferden noch aufgehen mag, sehe ich hier insbesondere in der Springpferdezucht einen verheerenden Denkfehler.

 

Stärken und Schwächen der F1-Generation

Das Zuchtziel eines Rennpferdes ist unstrittig anders ausgerichtet als das eines Reitpferdes. Daher ist von der Nachzucht eines Vollblüters nicht in der Breite dasselbe Maß an Bergauf in der Bewegung, Durchschwung oder Elastizität zu erwarten, wie bei einem Warmblüter. Bei einem Springpferd werden gern einmal der Verlust von Galoppade, Technik und Vermögen am Sprung bemängelt. Das ist schlicht im Zuchtziel Rennpferd nicht vorgesehen und der Warmblüter ist in der Erhaltung dieser Merkmale deutlich konsolidierter.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wer sich auf Rennleistung als Selektionskriterium beschränkt, muss sich nicht wundern, wenn "vollbluttypische" Mängel in der F1 die Folge sind. Um es auf die Spitze zu treiben: Kleine Pferde ohne Rahmen, mit tiefem Halsansatz, Bergab-Konstruktion, steilem Hinterbein mit schlechter Einschienung sowie Fundamentsmängeln und heißem Temperament!

Es versteht sich daher von selbst, dass ich, je weiter in vom Zuchtziel des Rennpferdes abweiche, desto umsichtiger und sorgfältiger die Exemplare auswählen muss, die eingekreuzt werden sollen. Nur dann lassen sich dem Zuchtziel gerecht werdende F1 Generationen schaffen.

Diese Attribute von vorneherein als nicht realisierbare Ziele für die F1 abzuhaken, ist aber nicht die richtige Einstellung. Denn es gibt durchaus Exemplare, die einem hohen Anspruch gerecht werden. Man muss eben Schwerpunkte setzen bei der Suche nach dem richtigen Vollblüter.

 

Es nutzt daher auch nichts, sich eine misslungene F1-Generation schönzureden. Vielmehr sollte man sich dann die Frage stellen, ob wohl die richtigen Individuen genutzt wurden, bzw. ob die Anpaarung wirklich gepasst hat. Manche Schwächen können zwar bei einer F1-Generation in Kauf genommen werden, aber nur, wenn diese so minimal ausfallen, dass das Produkt im Ganzen doch mit einem Warmblut-Fohlen konkurrieren kann.

Je mehr Fehler bei der F1 in Kauf genommen werden, desto länger wird es dauern in den Folgegenerationen diese Fehler wieder auszumerzen. Desto weniger Sinn macht es aber auch einen Vollblüter einzusetzen.

  

Wie geht es weiter?

Auch reine Warmblut-Anpaarungen fallen schon mal nicht so erfolgreich aus wie vom Züchter erhofft. Erstaunlicherweise ist aber bei der Anpaarung mit Vollblut der Übertäter immer schnell gefunden. Der Blüter wars! Ein bisschen mehr Kritikfähigkeit und Objektivität seitens des Züchters muss schon sein.

Es ist nicht mehr marktfähig irgendeinen Vollblüter nur des Blutes Willen zu nutzen - zur Stute passen sollte es schon und die richtige Veranlagung für die gewünschte Spezialdisziplin ist ein Minimalstandard.

Es herrscht im Warmblutsektor ein großer Mangel an Wissen über Vollblutstämme und ihre Eigenschaften. Die Anzahl an Experten der deutschen Warmblutzucht, die sich auch auf Vollblüter verstehen, ist übersichtlich. Es ist natürlich einfach zu behaupten, man müsse einfach nur bessere Selektion betreiben, um Erfolge zu verbuchen. Aber ohne ein bisschen Ahnenforschung geht es eben nicht.

 

 

Verfasst im Dezember 2013

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