Typenvielfalt in der Vollblutzucht

 

Auch wenn der Warmblutzüchtern gern von „dem Vollblüter“ spricht, ist diese Rasse viel zu vielfältig, als dass solche Generalisierungen ihr gerecht werden könnten. Hier ein Versuch sich der Typenvielfalt und der daraus hervorgehenden Vorzüge anzunähern.

 

Einteilung nach Renndistanz

Die Unterteilung von Rennpferden in Steher (Stamina über lange Distanz) und Sprinter (Speed auf kurzer Distanz) ist üblich. Aber selbst dann ist die Einteilung undurchsichtig. Es gibt Hengste, die selbst wie ein Steher aussehen und dennoch erfolgreiche Nachkommen auf kurzen Distanzen haben. Die vielen Pferde, die auf mittleren Distanzen erfolgreich sind, werden von dieser Einteilung ohnehin komplett außer Acht gelassen. Und überhaupt lassen sich Rennpferde manchmal nicht so leicht in Schubladen stecken. Denn es gibt auch Ausnahmesportler, die beinahe über jede Distanz brillieren.

Klar ist nur: Speed und Stamina muss ein Rennpferd haben und dies zu unterschiedlichen Anteilen je nach Erfolgsdistanz. Das hat nachweislich genetische Hintergründe und äußert sich z.B. in unterschiedlichen Muskelfasern (Artikel: Der perfekte Sportler - Zusammenhänge zwischen Muskelfasertyp und Sportleistung).

Man sollte bei dieser Betrachtung im Hinterkopf behalten, dass seit der Entstehung der Rasse Englisches Vollblut mit vorgeblich nur einem Zuchtziel auf Geschwindigkeit das Zuchtziel trotzdem durchaus erheblichen Veränderungen unterworfen worden ist. Die zunehmende Kommerzialisierung und der hohe Wert der Nachwuchshoffnungen hemmt züchterische Entwicklungen. Die übermäßige Nutzung moderner, kommerzieller Abstammungen von Junghengsten sind in der Rennpferdezucht zum Problem geworden. Der lukrative Abverkauf auf Jährlingsauktionen steht oft im Mittelpunkt der Anpaarungsentscheidung. Jedenfalls mehr als die verifizierbare Nachkommenleistung bewährter Vererber. (Die Parallelen zum Hype der Modehengste im Reitsportsektor sind sicher kein Zufall!)

Weiterhin haben sich die durchschnittlich gelaufenen Distanzen seit Anbeginn der Leistungsselektion beim Englischen Vollblüter mittlerweile erheblich verkürzt. Während die Vorväter des heutigen Rennpferdes erst im Alter von 5 Jahren zu Derbys über erheblich längere Distanzen antreten mussten, wurden schon ihre Söhne bereits mit 3 Jahren und über kürzere Strecken geschickt. Schon um 1900 wurde die Entstehung eines neue Typus Kurzstreckenpferd und damit zunehmende gesundheitliche Einschränkungen beklagt. Nachzulesen in diverser Fachliteratur aus dieser Zeit. Dies ist –trotz allen Behauptungen zum Gegenteil- keine neuzeitliche Entwicklung, sondern ein seit Jahrzehnten fortschreitendes Problem.

 

Was kann der Warmblutzüchter daraus lernen?

Die Vollblutzucht hat eine erhebliche Typenvielfalt geschaffen und immer wieder stellt sich der Züchter die Frage nach dem besten Vollblüter für die Warmblutzucht. Die deutsche Rennpferdezucht ist insbesondere für ihre Stehertypen berühmt geworden und bietet dem Warmblutzüchter damit ein historisch bedingt beliebtes Modell für die Warmblutzucht.

Das halte ich für eine oberflächlliche Betrachtung, denn die gelaufene Distanz liefert keine sichere Einschätzung, ebenso wie ein Urteil allein aufgrund des GGA viel zu undifferenziert ist (siehe Artikel: Aussagewert des GAG für Reitsport und Warmblutzucht).

Der Mensch neigt nunmal dazu einfache Erklärungen als schlüssig zu bevorzugen. Nur zu sagen Steher bringen die besseren Dressurpferde und Sprinter die besseren Springpferde, wäre gewagt und zu sehr schwarz/ weiß gedacht. So einfach ist es eben nicht. Trotzdem gibt es Eckpunkte bei der Vererbung von bestimmten Vollbluttypen, die es Wert sind in Relation zum disziplinorientierten Zuchtziel Augenschein genommen zu werden.

 

Das klassische Stehermodell

Der klassische Steher hat historisch bedingt in Deutschland seine Fans. Er stellt das in der Warmblutzucht bevorzugte Modell dar, das man kennt und zu schätzen gelernt hat. Was wir in der Warmblutzucht als modernes „Reitpferdemodell“ bezeichnen, hat seinen Ursprung nicht in der Reitpferdezucht. Im krassen Gegensatz zur Bezeichnung erkennt man darin das klassische Stehermodell der deutschen Vollblutzucht.

Der Vollblüter stand aus gutem Grund Modell: 300 Jahre Leistungsselektion haben für den ultimativen Sportler gesorgt. Durch diese harte Selektion haben sich Merkmale des perfekten Sportpferdes früh etabliert. Sportlichkeit äußert sich in langen Linien und trockenen Texturen bei plastischer Bemuskelung. Dabei genügend kräftiges Fundament und mäßige Größe.

Gerade die deutsche Vollblutzucht hat Exemplare hervorgebracht, die klassische, geradezu zeitlose Einheitlichkeit demonstrieren. Bestes Beispiel ist Alchimist xx mit einem Exterieur, das trotz Geburtsjahrgang 1947 heute noch als „modern“ betitelt werden kann. Eine zeitlose Eleganz, die auch heute kaum zu verbessern wäre. Grund dafür kann nur die Funktionalität dieses Exterieurs sein. Eine optimale Anpassung an das gewünschte Zuchtziel.

 

Die Frage lautet: Was kann ein Hengst mit diesem Modell züchterisch verbessern?

In der Dressurpferdezucht, wo ein solches Exterieur der Funktionalität entgegenkommt, kann sich dieser Typ Vollblüter voll entfalten. Denn historisch bedingt waren Points wie eine gute Sattellage, Adel und trockene Texturen wichtig zur Verbesserung der Landespferdezuchten. All dies bringt der Stehertyp im Regelfall mit.

 

Hier klafft meiner Meinung nach eine Lücke, zwischen dem, was ein Dressurpferdezüchter sehen möchte und was der Springpferdezüchter braucht. Nicht immer sind sich Springpferdezüchter dieser unterschiedlichen Maßstäbe bewusst oder gar darüber einig.

Eine Veredelung wurde historisch betrachtet durch den Vollblüter betrieben, dafür war vorerst einmal egal, ob er groß oder klein, edel oder herb, lang oder stramm daherkam – im Vergleich zum damaligen Reitpferd war er immer sportlich genug, um zu veredeln. Mit fortschreitender Zuchtselektion tut sich der Allround-Veredler von damals heute schwer. Gefragt ist nun ein Vollblüter, der Spring- respektive Dressuranlagen nicht vernichtet. Nur wie sollen solche Anlagen beurteilt werden, wenn Englische Vollblüter in der Breite nicht im Sport aktiv sind und hier ihre Qualität unter Beweis stellen? Dass bestimmte Blutlinien sich hierfür besser eignen als andere, ist in anglophonen Ländern mit einem hohen Anteil an Vollblütern im Sportgeschehen durchaus bekannt.

 

Gerade die Exterieur-Könige der Körung sind selten die besten Springsportler geworden. Der Selektionsdruck  des Marktes und die Bedürfnisse des Sportes klaffen in der Springpferdezucht mehr auseinander als in der Dressurpferdezucht (wobei es auch hier den einen Trend zu langbeinigen, edlen Modellen gibt, der für den Grand Prix eher hinderlich ist – das aber nur als Randnotiz). Fakten, die den Zuchtverbänden zum Teil schmerzlich bewusst sind, aber der „Hengstmarkt“ profitiert von bevorzugt dunklen, typschönen Modellen.

 

 

Verfasst im Dezember 2014

info@sportundzucht.de