Tunesien aus Sicht des Reiters

 

Traumjob: Berittene Polizei

Esel in Dougga

Strand Hammamet

 

Tunesien lernen die meisten Touristen nur im Rahmen eines Strandurlaubs im Süden des Landes kennen. Dabei ist das Land nicht nur historisch, sondern auch landschaftlich äußerst reizvoll. Da ich über mehrere Jahre in Tunesien gewohnt habe, liegt mir daran, einmal eine andere Seite dieses Landes vorzustellen. Bei diesem Reisebericht soll das Pferd und der Norden des Landes im Vordergund stehen.

 

 Gammarth

Weinanbaugebiet Mornag

Plateau de Mornag

 

Reiten ist in diesem Land unstrittig ein elitärer Sport, der zum Großteil in kleinen Teilen der Oberschicht und dem Militär vorbehalten ist. Reitställe gibt es, aber auf der Suche nach größeren Gestüten oder Reitställen schaut man meist vergebens in die Landschaft. Man muss schon wissen, wo man hinfahren muss, um fündig zu werden.

 

 

Im Umland von Tunis gibt es eine Handvoll kleiner Reitställe. In La Soukra und Gammarth können privilegierte Kinder auch Reitunterricht nehmen. Boxen- oder Anbindehaltung sind üblich. Mancherorts dürfen die Pferde sich stundenweise auf Sandpaddocks die Beine vertreten. Luxus wie Selbsttränken gibt es selbst in den gehobenen Ställen nicht. Die Pferde werden per Hand getränkt oder die Boxen zu Innenhöfen geöffnet, wo eine große zentrale Tränke steht.

 

 

Die Pferde gehören zum Großteil Privatleuten oder dem tunesischen Militär. Verbreitet sind Vollblutaraber, Berber und Kreuzungsprodukte der beiden Rassen. Der Araber gilt als das edlere Pferd. Im direkten Vergleich mit den deutschen Pferden sind die Pferde in Tunesien eher klein (1.48m-1.60m) und zart, aber mit sehr trockenen Texturen und hart im nehmen.

 

 

Beim Blick durch den Stall erfreut die Farbenvielfalt der Pferde, es gibt reichlich Fliegenschimmel, kupferrote oder Schweiß-Füchse. Die Reitpferde sind üblicherweise Hengste.

  

 

 

Die wilde Seite Tunesiens

Der Norden Tunesiens im April grünt und blüht. Aber das ist nur von kurzer Dauer und grasende Pferde auf Weideland wird man nicht antreffen. Heu und Stroh wird nur im Norden des Landes und dem landwirtschaftlich ergiebigem Cap Bon gewonnen. Das Zusammenbinden der Ballen mit Draht mutet für europäische Augen fremd an.

 


 

 

  

Züchterportrait

Familie Bergmann aus Deutschland züchtet im Norden des Landes, nahe der algerischen Grenze bei Ghardimaou, Vollblutaraber. Gisela und Heinz-Gerd Bergmann kamen Ende der 60er Jahre als Entwicklungshelfer der GTZ nach Tunesien. Begeistert von den einheimischen Vollblutarabern bauten sie in Zusammenarbeit mit dem Staatsgestüt in Meknassy und Sidi Thabet eine Vollblutaraberzucht auf. Klar, dass ich dieser Familie gern einmal einen Besuch abstatten wollte.

 

 

Das Umland zur Farm Baraket, einer ehemaligen Olivenplantage, ist selbst nach tunesischen Maßstäben rustikal ländlich. Die Zugangsstraßen sind einsame sandige Schotterpisten und daher kaum in der Landschaft auszumachen, Hinweisschilder oder Supermärkte sucht man hier ebenfalls vergeblich. Dagegen lockt der Marktplatz in Ghardimaou mit garantiert regional angebauten Produkten. Auf dem Hof wird man im Regelfall schnell von einer Meute Sloughis (nordafrikanische Windhunde) in Empfang genommen.

Die Abgeschiedenheit bringt ihre Tücken für die Pferdehaltung mit sich. Um dem Problem der Wasser- und Futterknappheit mit einer 30-köpfigen Herde zu umgehen, wurden von den Bergmanns Trecks in den Süden Tunesiens (Cap Serat bei Tabarka) organisiert. Im Winter lief die Stutenherde mit Fohlen und Jungvolk bei Fuß die Strecke von etwa 400km von der Farm in Ghardimaou an die Mittelmeerküste, blieb dort den Sommer über und lief dann im Herbst zurück. Dies geschah nach Geschlechtern getrennt als ein Stuten- und ein Hengst-Treck. Die Begleitung von zahlenden Gästen auf diesem erlebnisreichen Ritt unter Einbeziehung von regionalen Veranstaltungen (u.a. Dattelfest Tozeur) war eine zusätzliche Einkommensquelle für die Bergmanns.

Damit wurde Härte zum ultimativen Zuchtziel. Einige der Zuchtprodukte wurden dementsprechend als Distanzpferde nach Frankreich und in die Schweiz vermarktet. Allerdings waren die Ausfuhr- und Zollbestimmungen in Tunesien nicht leicht zu überwinden und der Wille sich von den Pferden zu trennen nicht immer gegeben. Korruption und mangelhafte Organisation beim Zoll am Hafen sorgen für denkbar schlechte Voraussetzungen, um Pferde zu einem bestimmten Datum auf eine Fähre nach Frankreich oder Italien zu bringen. Somit blieb ein Großteil der Zuchtprodukte in Ghardimaou.

Die Stutenherde liefert daher wohl einmalige Einblicke in eine seit Generationen zusammengewachsene und aufs härteste geprüfte Herde. Die Stuten werden nur alle 2 Jahre gedeckt, die Stutfohlen nicht abgesetzt, sondern verbleiben bei der Mutterstutenherde. Die Herde ist untereinander äußerst harmonisch und Drohgebärden sind trotz der Futterknappheit selten und subtil.

Die Junghengste werden von den Stuten separiert und später von den tunesischen Jungs aus dem Nachbardorf angeritten. Deren reiterlichen Fähigkeiten beschränken sich aufs oben bleiben. "Ein Ruck im Maul, schon steht der Gaul" - ein altbewährtes Prinzip auch im fernen Tunesien! Als ich mir ein paar der Junghengste für Ausritte ins Umland sattle, ergeben sich daher erst einmal schwere Differenzen über die nötige Hilfengebung für das Anhalten. Aber erstaunlich schnell passt sich das brettharte Maul auch feinerer Einwirkung an. Die Ritte durch alte Olivenhaine, üblicherweise mit einem pfeilschnellen Sloughi an meiner Seite, sind mir in wunderbarer Erinnerung geblieben.

 

 

Mit dem Tod von Heinz-Gerd musste die Pferdezucht stark eingegrenzt werden. Das Überleben der vorhandenen Pferdeherde und der Sloughi Meute steht im Vordergrund der Bemühungen. Das vielfältige lokale, kulturelle und humanitäre Engagement der Bergmanns, zum Beispiel mit dem Aufbau von Hippotherapie für Behinderte und Waisenkinder der Region, muss erwähnt werden. Mittlerweile ist Frau Bergmann selbst auf finanzielle Hilfe und tatkräftige Unterstützung bei der Betreuung ihrer Tiere angewiesen.

 

 

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