Typisch Vollblut – Zur Springmanier von blütigen Pferden

 

Oft heißt es bei blutgeprägten Pferden am Sprung „typisch Vollblut“ – gemeint ist damit wahlweise ein hängendes Vorderbein, kalte Füße (häufige Springfehler), gerader Rücken und huschiges nach vorne hechten am Sprung. Solche Rückschritte mag kein Springpferdezüchter/ -Reiter in Kauf nehmen. Verständlich.

Für solche Fehler aber grundsätzlich den Vollblüter zu beschuldigen (selbst wenn er erst gaaanz weit hinten im Pedigree auftaucht) ist nicht ganz fair. Ja, es gibt auch Graupen am Sprung unter den Vollblütern, aber man muss nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Schönspringer werden zwar zu Siegern gekürt, wenn es um Freispringchampionate und Springpferdechampionate (in Deutschland) geht, solche Basculewunder sind aber selten in der Weltelite wiederzufinden, wo sich dann erstaunlich viele Pferde mit hohem Blutanteil wiederfinden. Es gilt also genau hinzusehen und schlechte Stilnoten von schlechtem Springen zu unterscheiden.

 

Also wollen wir ganz emotionslos einmal die Fakten beleuchten. Es gibt im Prinzip nur zwei Möglichkeiten, warum ein Vollblüter/ blütiges Pferd schlechter springt als andere Pferde:

1.Mangel an Springqualität

2. Mangel an Galoppqualität

mit beiden Aspekten möchte ich mich nachfolgend auseinandersetzen.

 

 

Springqualität

Ein Sprung ist grundsätzlich ein auf Höhengewinn ausgelegter Galoppsprung. Der Galoppsprung des Vollblüters ist selektiert auf schnellen Raumgewinn und nicht Höhengewinn. Es fällt dem Vollblüter daher leichter, über Geschwindigkeit einen Sprung zu überfliegen, als über die vom Springreiter gewünschte Technik den Sprung mit kraftvollem Abdruck aus der Hinterhand über den Rücken nach oben zu entwickeln. Dies gilt insbesondere mit Vollblütern, die bereits Erfahrungen mit Hürdenrennen gemacht haben. Das ist jedoch nichts, was ein Vollblüter nicht anders lernen könnte.

Im Kern ist dies ein Balance-Problem. Gepaart mit viel Temperament wird daraus ein Pferd das vorgreift, obwohl es den idealen Absprungpunkt nicht taxieren kann und seine Flugkurve noch nicht ausbalancieren kann. Solch ein Pferd wird in einer Distanz im Zweifel nach vorn ausgleichen wollen. Das daraus resultierende flache Huschen zeugt in meinen Augen eher von mangelndem Gerittensein (merke: nicht zwangsläufig Rittigkeit!) und einem Pferd, das noch nicht verstanden hat, um was es beim Springen geht.

Ich habe schon viele Pferde erlebt, die nicht ausbalanciert genug waren, um gut zu springen. Mit Geduld und dressurmäßiger Arbeit waren sie innerhalb weniger Wochen am Sprung kaum wieder zu erkennen. Bei gleicher Leistung am Ende kann man nicht ernsthaft von einem Makel sprechen, wenn der Weg dorthin schlicht anders aussieht.

Wer fair sein will, sollte berücksichtigen, dass Pferde mit wenig Erfahrung am Sprung nur schwer reell zu beurteilen sind. Was sind die Rahmenbedingungen, unter denen ein abschätziges Urteil über das Blutpferd gefällt wird? Beurteilt werden bei Hengstpräsentationen in der Regel Vollblüter, also Ex-Rennpferde unter mäßigem Beritt. Vergleicht man diese Leistungen mit Vollblütern, die S-Erfolge im Springsport vorweisen können, fällt garantiert der Kommentar „DER springt ja auch ganz anders!“ – ja richtig, weil DER das von der Pike auf so gelernt hat.

Die dressurmäßige Arbeit und der Muskelaufbau wird in dem beurteilten Sektor oft stark vernachlässigt. Ob Landgestüt oder Privathengsthalter, zumeist werden die Vollbluthengste von Azubis oder dem Nachbar-Mädel in ein paar Wochen Crash-Kurs für die Hengstpräsentation fitgemacht. Ein Vollbluthengst, der täglich über Jahre geritten wird ist die absolute Ausnahme. Warum sollte sich solch ein Pferd am Sprung nun plötzlich selbst aufnehmen und den Sprungablauf nach oben entwickeln? Wie soll es das körperlich umsetzen?

Historisch betrachtet hat sich das blutgeprägte Pferd immer in Reitnationen bewährt, die einen leichten Reitstil im Parcours pflegen, mit einem Sitz, der mehr nach vorne orientiert ist und dem Pferd Freiheiten gewährt. Dies steht in keinem Vergleich zu dem typisch deutschen starren Einrahmen, Gegenhalten und Druck erzeugen.

Die Schwächen des typischen Blutpferdes zeigen sich insbesondere am Steilsprung. Dies wohl auch dadurch bedingt, dass hier ein vermehrtes Aufnehmen des Pferdes notwendig ist, um fehlerfrei zu bleiben. Das Temperament mit viel Go nach vorn und einem Mangel an Geritten-sein dürften ebenfalls dazu beitragen.

 

 

Galoppqualität

Der Galopp beim VB wird oft als die schwächste GGA dargestellt. „Ein Rennpferd kann rennen, aber nicht Galoppieren“ heißt es dann gern. 

Das gängige Vorurteil: Vollblüter können rennen, aber nicht auf dem Hinterbein galoppieren. Meine Meinung: Ein Vollblüter, der keine Rennen gelaufen ist, tut sich genauso leicht oder schwer sich aufs Hinterbein setzen zulassen wie jeder Warmblüter auch.

Vielmehr stört das Ex-Rennpferd das erlernte Verhaltensmuster „Vollgas auf der Geraden“ das einen Moment braucht, um gegen das reiterliche Konzept „gesetzt galoppieren“ ausgetauscht zu werden. Das hat natürlich auch körperliche Ursachen, denn die Kraft fürs Last aufnehmen muss wie bei jedem jungen Pferd erst mal aufgebaut werden.

Nur aus einer guten Galoppade (= praktisch und auf dem Hinterbein, nicht notwendigerweise mit dem letzten Bergauf gesegnet) lässt sich ein kraftvoller Sprung entwickeln. Hierfür ist jedoch dressurmäßige Arbeit gefragt. Ein ausbalancierter Galopp, der nach Belieben vergrößert und verkleinert werden kann, ist kein Hexenwerk. Die Qualität des Galoppsprungs (und Konstruktion des HB) entscheidet über die Kraftentfaltung am Sprung.

 

Die groß angelegte Bergaufgallopade eines Dressurpferdes wird man zwar beim Vollblüter länger suchen müssen, aber ich habe oft genug eine handliche, raumgreifende Galoppade erlebt, die sich ganz wunderbar aufs Hinterbein setzen und ohne Balanceverlust vergrößern lässt. Und gerade diese große Galoppade sorgt für Geschwindigkeit im Parcours.

Mir persönlich ist kein Vollblüter untergekommen, der das gesetzte Galoppieren nicht innerhalb kurzer Zeit umsetzen konnte. Gerade im Parcours empfand ich diese Pferde oft als angenehm rittig (weil unglaublich bemüht), woraus sich Wendigkeit und Reaktionsschnelligkeit von alleine entwickeln. Was wünscht sich der Springreiter mehr?

  

 

Man gewinnt mitunter den Eindruck zum Thema Vollblut wird viel wiedergegeben weil das eben "alle" so sagen. Nun fehlt aber in meiner Erfahrung fast allen Reitern, die solche Behauptungen von sich geben, schlicht die Praxiserfahrung im Sattel eines Vollblüters (geschweige denn einer Vielzahl davon) um solch einen Vergleich aufstellen zu können. So bleiben Vorurteile in den Köpfen der Reiter erhalten.

Daher hier noch mal fürs Protokoll: Nicht jeder Vollblüter hat eine kratzige, flache Galoppade. Ehrlich wahr! Und wer sich mal im französischen Nachbarland umschaut, wird sich ohnehin davor hüten müssen eine schöne Bergaufgaloppade nach deutschem Maßstab zum notwendigen Kriterium in einer Springpferdezucht zu erheben. Die Praxis zeigt wie es geht.

 

 

Verfasst im Februar 2015

 

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