Springanlage beim Vollblut

 Konsolidiertes Springen – Ist das möglich?

 

Es ist vollkommen unstrittig, dass Springveranlagung kein primäres Zuchtziel beim Vollblüter ist. Nur weil auf diese Kriterien in der Reinzucht nicht selektiert wird, heißt dies aber noch nicht, dass es sich bei Vollblütern mit Springvermögen um eine rein zufällig auftretende Eigenschaft handelt.

Aus der fehlenden systematischen Selektion auf Springanlage hin abzuleiten, dass es genetisch gefestigte Springanlagen beim Vollblut nicht gibt, ist meiner Meinung nach ein Trugschluss. Dass Springvermögen ebenso nicht wahllos überall in der Vollblutpopulation anzutreffen ist, ist ebenso eindeutig. Allerdings gibt es zu viele Beispiele von ganzen Hengstlinien, die immer wieder für Spitzensportler im Springsport sorgten, als dass man dies als eine zufällig auftretende Qualität abtun könnte.

Problematisch ist in meinen Augen nicht so sehr die fehlende Qualität der Gesamtpopulation, sondern vielmehr das Aufspüren der Talente und vor allem die fehlende Systematik in der Herangehensweise.

Da in keiner Weise auf Springanlage selektiert wird, ist es lediglich ein Stochern im Dunkel, wenn man sich nicht sehr genau mit den bereits bekannten Springlinien auskennt. Wer die Pedigrees der Sportler der vergangenen Jahrzehnte betrachtet, wird schnell zu dem Schluss kommen müssen, dass einige Hengstlinien und auch Stutenstämme überproportional häufig zu finden sind. Es ist nur logisch diese Linien mit Springanlage als Ausgangspunkt der Überlegungen zu nehmen und nach Beweisen für Vollblüter zu suchen, die erblich bedingte Springanlage führen.

 

Konsolidiertes Springen beim Vollblüter – Ist das möglich?

Vorerst muss aber noch geklärt werden, wonach genau wir eigentlich suchen. Fraglich ist, ob Springanlagen zufällig auftreten. Dies wäre bereits widerlegt, wenn sich Vollblut-Abstammungen finden lassen, die nachhaltig Springvermögen vererben.

Aber um wirklich von Konsolidierung sprechen zu können, müssen durch Linienzucht diejenigen Gene verstärkt werden, die eine genetische Springanlage sichern und somit für einen vorhersehbaren Zuchterfolg sorgen. Durch Linienzucht auf bestimmte Vertreter würde sich die Präsenz anderer Gene automatisch geringer auswirken und somit die Springanlage verdichten. Durch eine gezielte Linienzucht werden die Vertreter einer Population untereinander gleichförmiger, was die Zucht mit ihnen in Sachen Vererbungssicherheit bzw. Planbarkeit einfacher macht.

 

Zurück zum Vollblüter und seiner 300-jährigen Zuchtselektion anhand des Zielpfostens. Das Englische Vollblut ist damit geradezu ein Paradebeispiel für eine reine Leistungszucht mit geschlossenem Stutbuch (Reinzucht). Nur Pferde die Rennerfolge bringen haben die Chance sich nachhaltig zu vermehren. Die Zielvorgabe ist seit Jahrhunderten gnadenlos eindeutig und vor allem gleichbleibend: Geschwindigkeit.

Was bewirkt man damit? Zusammen mit dem Merkmal Schnelligkeit wird -durchaus abhängig von der Renndistanz- ebenfalls zu gewissen Anteilen auf Reaktionsschnelligkeit (z.B. an der Startmaschine), Durchhaltevermögen und Härte selektiert. Entscheidend für den Erfolg sind weiterhin Interieurwerte wie Nervenstärke, Kampfgeist, sowie Leistungsbereitschaft und nicht zuletzt Gesundheit und Regenerationsfähigkeit.

Damit haben Vollblüter und Springpferde bereits einige Gemeinsamkeiten: Schnelle Reaktionsfähigkeit (Reflexe), Schnellkraft aus der Hinterhand (Abdruck), sowie Leistungsbereitschaft und Biss. Kann es also sein, das Springvermögen als reines Nebenprodukt zu Rennpferdeeigenschaften entsteht, weil schlicht ähnliche Voraussetzungen zu erfüllen sind? Die ständigen Forderungen in der Warmblutzucht nach trockenen Texturen (wenig Bindegewebe) und ausgeprägter Hinterhandaktivität („genügend Motor“) sind doch Eigenschaften, die sich an der Sportlichkeit des Vollbluts orientiert und durch Nachahmung dieser Merkmale versucht diese richtigen Eigenschaften im Sportpferd zu festigen.

Wegen genau diesen Eigenschaften profitiert im Übrigen auch die Dressurpferdezucht ganz erheblich von der Einkreuzung von Springblut. Eine matte Hinterhand und fehlende Elektrizität lassen sich durch die Anpaarung mit geeignetem Springblut (oder Vollblut) ganz erheblich verbessern. (Siehe dazu auch folgenden Artikel: Zusammenhänge zwischen Muskelfasertyp und Sportleistung)

 

Die Wirkungsweise von Vollbluteinkreuzung in Springlinien

Eine gängige Theorie unter Warmblutzüchtern lautet: Die Vererbung des Vollblüters ist hinsichtlich Schwerpunktsetzung grundsätzlich neutral. Die Einkreuzung von Vollblut unterstütze demnach die vorhandene Spezialisierung des Warmblüters, ohne eigene Vererbungsschwerpunkte zu setzen.

Deswegen sei die Nachzucht in der Regel leistungsfähiger, wenn bei der Wahl des Warmblüters auf eine eindeutige Spezialisierung und nicht auch schwammiges Doppeltalent zurückgegriffen wird.

Aber ist das wirklich so?

Wenn Springvermögen in der nahen Verwandtschaft eines Pferdes nie erprobt wurde und somit nicht bekannt ist wie ausgeprägt Springtalent überhaupt vorliegt, kann es durchaus sein, dass Vollblüter schlicht falsch eingeschätzt werden.

Nur wenige Vollblüter werden trotz Training nicht in der Lage sein eine Freispringreihe halbwegs ansprechend zu absolvieren. (Das schafft schließlich beinahe jedes Dressurpferd anlässlich der Körung!) Nur wenige Vollblüter werden sich aber über solch einen Anspruch hinaus jemals unter dem Reiter in einem kompletten Parcours -oder gar im Turnierumfeld- mit Sprüngen auseinandersetzen müssen. Wie soll da das Springvermögen eines Hengstes abschließend eingeschätzt werden?

 

Wenn nun Hengste ohne echtes Wissen um Eigenleistung oder gar Vererbungstendenzen ihrer Verwandtschaft hinsichtlich Springvermögen angepaart werden und sich deren Vererbung als „neutral“ herausstellt, ist das wohl nicht weiter verwunderlich. Man kann solch einem Einsatz aber höchstens der Blutauffrischung bzw. Veredlung (im Sinne von Reduzierung der Masse) wegen sinnvoll finden.

Es würde doch niemand ernsthaft auf die Idee kommen mit einem Junghengst von Weltmeyer Springpferde zu züchten, nur weil er recht manierlich eine Freisprungreihe absolviert?! Bei diesem Beispiel ist jedem Warmblutzüchter klar, dass der Hengst seinen genetisch abgesicherten Stärken entsprechend angepaart werden muss, auch wenn er selbst zufällig ordentlich springt. Beim Vollblut hingegen wird allein aufgrund der minimalen geforderten Eigenleistung für die Körung eine Einschätzung seiner Springanlage vorgenommen. Eine Einschätzung auf derart wackeligen Füßen kann ganz einfach nicht immer stimmig sein.

Jeder, der mehrere Vollblüter selbst gesprungen hat, wird wissen, dass manche Vollblüter schlicht geschickter sind als andere, selbst wenn alle in der Lage sind Minimalabmessungen zu überwinden. Nicht immer korrelieren dabei eine gute Technik und Vermögen.

 

Die Zuchtwertschätzung der FN liefert weitere interessante Hinweise, die der Theorie ein Vollblut unterstütze (nur) die Basis auf die es beim Warmblut trifft, ins wanken bringt: Einige Vollblüter mit engen Verwandtschaftsverhältnissen weisen ähnlich springbetonte Vererbungstendenzen auf, unabhängig davon in welcher Zucht sie genutzt wurden. Eine kleine Auswahl mit unterschiedlichster Herkunft des Springvermögens liefern folgende Beispiele (denen zahllose weitere folgen könnten!):

  • Bei Matador xx (Sachsen) und Marocain xx (Brandenburg, Sachsen-Anhalt) handelt es sich um Vollbrüder. Beide vererbten ihre Springveranlagung und können trotz niedriger Bedeckungszahlen als Muttervater international erfolgreiche Nachkommen vorweisen.
  • Die gekörten Hengste Noble Roi xx, Nouveau Roi xx und Narew xx stammen alle drei aus der Stute Nagaika xx und konnten ihren Nachkommen allesamt eine deutliche Springveranlagung mitgeben (wobei die Bewegungsqualität insbesondere bei Narew-Nachkommen auch oft überdurchschnittlich war).
  • Hengste wie Lefty xx, Family Ties xx, Brilliant Invader xx, Bonne Nuit xx, Sir Gaylord xx und Bold Ruler xx haben trotz unterschiedlichster Stutengrundlage (und ihrem ausschließlichen Wirken in der Vollblutzucht!!!) jeweils mehrere international erfolgreiche Springpferde gezeugt.

Wo solche engen verwandtschaftlichen Zusammenhänge zum Springvermögen deutlich werden, muss man anerkennen, dass die Springveranlagung auch genetisch gefestigt sein muss. Wenn nun Vollblüter eine bedeutende Springveranlagung besitzen und diese auch weiter vererben, so gilt es genau deren Springlinien herauszufiltern und durch Linienzucht zu festigen.

Es lassen sich aber durchaus solche Exemplare bereits in der Reinzucht finden. Zur Anschauung führe ich hier aus, wie die Festigung der Springanlage in dem Pedigree von meiner Stute Dance and win xx aussieht:

  • Dances Großvater Law Society xx kann trotz ausschließlichem Einsatz in der Vollblutzucht Nachkommen mit Springerfolgen bis zur Klasse S vorweisen. Darunter fällt der Vollblüter Mister Law xx, der ebenso wie Dances Vater Anzillero xx die gleiche Kombination aus Law Society xx und Lombard xx im Pedigree führt. Lombard wiederum kann über seinen Sohn Appolonios xx (der aus demselben Stutenstamm entspringt wie Anzillero!) den gekörten KWPN Hengst Guldenberg mit internationalen Erfolgen als Springpferd vorweisen.
  • Bold Ruler xx tritt in Dances Pedigree in 4. und 5. Generation doppelt über Boldnesian xx und Secretariat xx auf. Bold Ruler hat mit Mighty Ruler xx und Bold Minstrel xx direkte Nachkommen mit internationalen Erfolgen im Springen. Darüber hinaus hat sich mit Never so Bold xx, Bold Lad xx und Bold Sultan xx eine Hengstlinie etabliert, die in Springen und Vielseitigkeit international erfolgreiche Nachkommen liefert.
  • Auf der Mutterseite von Dance and win xx überzeugt die Linienzucht auf Habitat xx in 4. Generation über zwei Töchter von Habitat (Träger des X-Faktors, dem Gen für ein besonders großes Herz). Habitat ist als Springpferdemacher bekannt. Über seinen Sohn Imperial Seal xx ist er Großvater zu 3 Springpferden mit internationalen Erfolgen (Fino la Ina xx, Sharpe Seal xx und Navy Seal xx). Weiterhin hat die Mutter von Habitat, die Stute Little Hut xx, den Enkel Napur xx mit internationalen Springerfolgen vorzuweisen. Habitats Vater ist Sir Gaylord  xx. Die Hengstlinie des Sir Gaylord xx ist in Frankreich zu dem einflussreichsten Lieferanten von Springveranlagung aller Zeiten ernannt worden. Sir Gaylord ist ebenfalls Vater von den ebenfalls einflussreichen Hengsten Sir Ivor xx und Lord Gaylord xx, die seine Springveranlagung in höchstem Maße weitertragen. Sir Ivor hat alleine über seinen Sohn Family Ties xx 6 international erfolgreich Nachkommen in Springen und Vielseitigkeit (Springerfolge: Eros xx & Liaisons xx, Vielseitigkeit: King George xx, Northern Ties xx, Bonza Puzzle xx und Coastal Ties xx).
  • Die Stute Somethingroyal xx kommt über ihre Söhne Secretariat xx und Sir Gaylord xx 3 Mal in 5. und 6. Generation im Pedigree von Dance vor. Secretariat ist ebenso wie Sir Gaylord xx ein anerkannter Springpferdemacher, auch wenn nicht viele seiner direkten Nachkommen in den Reitsport gefunden haben, weil er selbst ein herausragendes Rennpferd war und insbesondere seine Töchter (Secretariat trägt den X-Faktor) noch heute heiß begehrt sind. Secretariats Sohn Quantum Leap xx war international im Springen erfolgreich.
  • Native Dancer xx kommt in Dances Pedigree 3 Mal in Generation 6, 7 und 8 vor. Native Dancer ist Muttervater des internationalen Springpferdes Philco xx, der u.A. bei den Weltmeisterschaften in Aachen 1978 mit dem englischen Team Gold holte. Bei den internationalen Springern Ard Allez Cat xx und Big Sur xx tritt er gleich doppelt im Pedigree auf. Diese Hengstlinie setzt sich über seinen Sohn Raise a Native xx und Enkel Mr. Prospector xx bekanntermaßen in Sachen Springvererbung fort.
  • Princequillo xx taucht in Dances Pedigree 6 Mal auf, sowohl über den Sohn Prince John xx als auch über 3 Töchter. Princequillo ist für die Vererbung seiner Härte und Fundaments-Korrektheit bekannt, sowie Träger des X-Faktors. Prince John ist der Vater von Lefty xx, der mit Yavari xx, Roven xx und Peregrino la Silla xx gleich 3 im Springen international erfolgreiche Vollblutsöhne hat.
  • Man O'War xx ist ein Blüter, der für seine große Härte und die Vererbung von Springqualität bekannt ist. Dance führt Man O'War 8 Mal im Pedigree. Der Man O’War Sohn Great War xx ist Vater von Miss Budweiser xx, die mit dem US Team 1952 bei den Olympischen Spielen Gold holte. Man O'War ist ebenfalls mehrfach präsent in der Abstammung von Gem Twist xx, der bei den Olympischen Spielen 1988 Einzel- und Team-Silber gewann.
  • Sharpen Up xx ist Muttervater der internationalen Vielseitigkeitspferde Kayem xx, Glengarrick xx und Anderoo xx.
  • Weiterhin fallen noch einige Vollblüter die für Springvermögen stehen, die hier nur namentlich genannt werden sollen, wenn sie mehrfach im Papier auftreten. Dies sind Bull Dog xx (6x), Dark Ronald (5x), Nasrullah xx (5x),  Teddy xx, Blandford xx, Hyperion xx und Tantieme xx (2x).

 

Ob nun Absicht oder nicht: Hier häufen sich Springpferdemacher erster Güte!

Da Springvermögen einer hohen Heritabilität unterliegt, kann nur von konsolidiertem Springvermögen gesprochen werden. Sicher ist diese Springveranlagung in der Vollblutzucht nicht so sorgsam aufgebaut worden, wie wir es vom Warmblut her kennen. Dennoch sind in diesem Pedigree genau die Linien gefestigt worden, die für Springanlage stehen.

 

 

Die Suche nach dem richtigen Vollblüter für die Springpferdezucht

All diese Indikatoren weisen darauf hin, dass es durchaus Vollblüter mit genetischem Potential zum Springvererber gibt. Wenn es Vollblüter gibt, die trotz der Selektion auf Rennpferde-Eigenschaften eine bedeutende Springveranlagung vererben, so gilt es solche Vollblüter auch gezielt für die Zucht von Springpferden auszuwählen.

Momentan muss ein Warmblutzüchter sich dagegen mit den für einen deutschen Zuchtverband vorwiegend nach Exterieurmerkmalen gekörten Vollblütern begnügen, wenn er sich nicht intensiv selbst mit dem Thema auseinandersetzt. (Siehe auch Artikel: Nutzen wir die richtigen Vollbluthengste?)

Problematisch ist dabei das –durchaus nachvollziehbare- Desinteresse der Vollblutszene an der Entdeckung von Springpferden wegen der fehlenden Rentabilität. Dazu kommt, dass die wenigsten Jockeys, Trainer oder Rennpferdebesitzer überhaupt Ahnung vom Reitsport haben. Wie viele Reiter pflegen umgekehrt ernsthaften Kontakt zur Rennbahn und sondieren abtrainierte Rennpferde bewusst vor dem Kauf nach Springqualität?

Die Vollblüter, die in den Reitsport finden und dort wohlmöglich noch herausragende Leistungen erbringen, sind realistisch betrachtet in 99% der Fälle Zufallsfunde. Ich sage bewusst Zufallsfunde und nicht Zufall. Nicht die vorhandene Qualität ist zufällig vorhanden, sondern diese wurde nur zufällig bemerkt. Gehäuft auftretende Zufallsfunde geben dann einen winzigen Einblick in die Leistungsfähigkeit einer bestimmten Abstammung. Das entbehrt natürlich jeder systematischen Grundlage und dennoch lassen sich Tendenzen herauslesen.

Viel deutlicher kann Springvermögen unter diesen Umständen kaum auftreten.

Wenn ich mir die Welterfolge von Vollblütern im Springsport ansehe, die zu nicht unerheblichen Teilen von Amerikanischem Vollblut geprägt sind (die doch pauschal so einen wirklich schlechten Ruf in der Warmblutzucht haben!), halte ich es für ausgeschlossen, dass es keinen genetischen Zusammenhang bei der Springanlage beim Vollblut gibt. Dazu ist der Pedigree-Aufbau von Spitzenpferden im Sport zu stark von einzelnen Hengsten und Stutenstämmen  geprägt, die offensichtlich enormes Springvermögen vererbt haben.

 

Die Spezialisierung der Reitpferdezucht ist heute so weit vorangeschritten, dass einfach irgendeinen Vollblüter zu nutzen nicht mehr gut genug ist. Nun begnügt man sich aber mit einer Auswahl an gekörten Vollblütern, die weder auf Springanlage oder auf Erfolge im Reitsport verweisen können. Da muss man sich auch nicht wundern, wenn höchstens „neutrale“ Vererbung zu finden ist.

Ein Vollbluthengst, der sich in Sachen Modell, Rittigkeit und Springanlage auf demselben Niveau wie ein spezialisier Warmblüter präsentiert, ist die berühmte Nadel im Heuhaufen. Es gleicht einem Lotteriespiel nach einem solchen Hengst zu suchen, der dann seine Fähigkeiten möglichst auch noch vererben soll. Um in diesem Lotteriespiel mehr Chancen zu haben, muss stattdessen ergründet werden, welche Faktoren einen springenden Vollblüter prägen.

Klingt logisch, nun zu der schwierigen Frage: Wie erkennt man diese Vollblüter? Springveranlagung ist eben nur schwer auf der Rennbahn oder der Weide zu erkennen, sondern vor allem am Sprung. Nur dort müssen die Vollblüter erst einmal ankommen, im Idealfall noch mit einem Minimum an Routine und nicht als Einmal-Ereignis.

Nachfolgend sollen verschiedene Auswahlkriterien ausgeführt werden, die Gedanken und Anregungen liefern, um bei dieser Suche Erfolg zu haben.

 

Auswahlkriterium: S-Erfolge im Springsport

Die am ehesten einleuchtende Variante ist wohl die Nutzung von sporterfolgreichen Hengsten. Da es in Europa jedoch allenfalls eine Hand voll Vollbluthengste mit Erfolgen in der Klasse S im Springen gibt, die züchterisch zur Verfügung stehen, ist dieser Ansatz merklich begrenzt. (Dies sind momentan: Roven xx, Favoritas xx, Duc D’Autheuil xx, Gluosnis xx, Big Cavallieri xx und French Buffet xx)

Selbstverständlich sind diese Hengste in Manier und Exterieur nicht ohne Schwächen und eine Anpaarung kann nur bei einer passenden Stute Sinn machen. Die begrenzte Auswahl und weite Verstreuung der Hengste macht dieses Vorhaben nicht einfacher. Schließlich sollte auch ein bisschen Information über den entsprechenden Hengst und seine Nachzucht vorliegen, bevor eine Anpaarung vorgenommen wird.

 

Auswahlkriterium: Auswahl über Eigenleistung am Sprung

Eine weitere Möglichkeit ist die Suche nach einem Vollbluthengst ohne Sporterfolge bis zum höchsten Niveau, aber mit dem nötigen sportlichen Potential. Die größere Verfügbarkeit an solchen Hengsten könnte ein entscheidender Vorteil sein, um Potential früh zu erkennen und richtig anzupaaren.

Ohne eigene Sporterfolge ist solch ein Pferd aber logischerweise besonders schwer auszumachen und eine abschließende Beurteilung erst mit genügend Nachzucht möglich. Naturgemäß sind die meisten Hengste dann schon alt oder verstorben. Law Society xx und Be my Guest xx sind nur zwei mittlerweile verstorbene Hengste, die über ihre Nachkommen immer wieder Springveranlagung bewiesen haben, ohne eine nennenswerte Nutzung in der Warmblutzucht erfahren zu haben.

Nur diejenigen Hengste, die für die Warmblutzucht gekört wurden stehen wirklich sicher zur Verfügung. Eine gewisse Hoffnung könnte man hierzulande in dieser Hinsicht in Hengste wie Nobre xx, Water Dance xx, Tipsy’s Pet xx, Papellito xx und Mulligan xx legen. Hier sind eigene Sporterfolge auf L-Niveau vorhanden, eine gewisse Springveranlagung ist also erwiesen.

Darüber hinaus ein Fragonard xx, Beryllus xx, Careless Secretary xx, Kubaner xx oder Cyrkon xx mit eindeutigem Talent am Sprung. Aber ihre bisherige marginale züchterische Nutzung macht einen züchterisch eindeutigen Erfolg nicht besonders aussichtsreich.

 

Auswahlkriterium: Exterieur

Ich komme gleich zum Problem bei diesem Ansatz: Ein Modellathlet ist eben noch lange kein Sportler, wie auch in meinem Artikel Exterieur des Sportpferdes beschrieben. Die Suche nach einem Hengst mit einem als geeignet anzusehenden Exterieur ist vor diesem Hintergrund problematisch.

Gewisse Exterieurschwächen müssen jedem Sportler (und Lebewesen!) zugestanden werden, daher ist ein Optimum schwierig zum Maßstab zu erheben. Darüber hinaus muss solch ein Pferd nicht nur existieren, sondern auch für die Warmblutzucht verfügbar sein. Alle diese Einschränkungen legen zu viele Hindernisse in den Weg, als dass der daraus entstehende Nutzen gerechtfertigt wäre. Weiterhin stellt sich die dringende Frage, wie ein Springpferd überhaupt auszusehen hat, wo die heutigen Leistungspferde im Sport doch ein sehr variierendes Bild abgeben. Wo der Sport so viel Raum für Varianz lässt, muss auch Raum für Zugeständnisse in der Zucht sein.

Hengste wie Hand in Glove xx und Laudanum xx, die aus den USA stammen und selbst S-Erfolge im Springen vorzuweisen hatten, sind ein Beispiel für die Auswahl nach dem Leistungsgedanken. Die unterschiedliche Optik der beiden Hengste ist aber beispielhaft für die Problematik der unterschiedlichen Leistungstypen:

Hand in Glove xx mit über 1.70m Größe, viel Rahmen und der Rappfarbe, während Laudanum xx ein kleiner Fuchs mit beinahe ponyhaft schmalem Äußeren und überbauter Kruppe war. Unterschiedlicher hätten die Beiden jedenfalls kaum sein können. Beide hatten jedoch in der Vererbung gewisse Gemeinsamkeiten: Sie waren beide „kalte“ Blüter, die Nachkommen mit wenig veredelter Optik gebracht haben. Eine Anpaarung an blütige Stuten war absolute Pflicht, um Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Der international erfolgreiche Hengst Jaguar Mail von Hand in Glove xx/ Landanum xx beweist dies eindrucksvoll. Trotz seines hohen Blutanteils ist auch von ihm keine blütige Vererbung zu erwarten. Er braucht wie sein Vater und Muttervater zuvor weiterhin Blutstuten, um gute Zuchtprodukte zu bringen.

 

Auswahlkriterium: Pedigree

Es nutzt wenig auf legendäre Vererber zurückzugreifen, die seit vielen Generationen tot sind. Sicher ist es einfach einem Dark Ronald, Blandford, Tourbillon, Teddy, etc. heute eine deutliche Springvererbung nachzusagen. Nur was nutzt das heute noch? Diese Hengste sind schließlich nicht erst seit gestern züchterisch nicht mehr verfügbar.

Darüber hinaus haben sie mittlerweile einen so hohen grundsätzlichen Einfluss in der Vollblutzucht erlangt, dass in beinahe jedem modernen Vollblut-Pedigree diese Erben „irgendwo ganz hinten“ noch gebündelt zu finden sind.

Die Beurteilung der Abstammungen von (Spring-)sporterfolgreichen Vollblütern zeigt recht eindeutige Korrelationen zu bestimmten Hengsten und Stutenlinien. Allerdings kommen auch viele Namen von Vollblütern vor, die schlicht viel gedeckt haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Name in einem Vollblut-Pedigree auftaucht, ist somit unabhängig der Springveranlagung hoch.

Deswegen ist es besonders wichtig bei solchen Pedigree-Analysen Kontrollgruppen aus denselben Jahrgängen und Regionen zu kreieren, die zum Vergleich herangezogen werden. Damit sind manche Häufungen im Pedigree leider schnell als Trugschluss enttarnt. Als Beispiel sei der viel besprochene Hengst Northern Dancer xx aufgeführt. Dieser kommt bei gut 1/3 der für die Warmblutzucht gekörten Hengste ab Jahrgang 1980 mit einem Anteil von durchschnittlich 10% (knapp 3. Generation) im Pedigree vor. Das klingt erst einmal viel. Dieser Wert ist bei Vollblütern mit internationalen Erfolgen als Spring- oder Vielseitigkeitspferd aber bereits deutlich niedriger. Northern Dancer xx besticht also mit steter Präsenz und Leistung in der Vollblutzucht, aber offenbar nicht so sehr mit Springvermögen. Da sind ihm selbst Hengste mit deutlich geringerem Einfluss absolut überlegen.

Problematisch ist ebenso immer die retrograde Beweisführung: Wenn erst einmal erfolgreiche Nachkommen vorhanden sind, kann man nicht wirklich von einer Vorhersage sprechen und wenn diese noch nicht, oder nur extrem geringer Anzahl vorhanden sind, besteht der Verdacht der Eintagsfliege. Allein aufgrund der geringen Bedeckungszahlen und weiten Verstreuung der Nachkommen der meisten Blüter ist eine abschließende Beurteilung der Nachzucht ebenfalls schwierig. Viele Vollblüter werden nie mehr als ein oder zwei international erfolgreiche Nachkommen haben.

Es gilt also bevorzugt Kriterien zu finden, die Springpotential bei lebenden Pferden aufdecken, um diese früh genug züchterisch zu würdigen.

 

Auswahlkriterium: Linienzucht auf Springlinien

Ein Ansatz ist die Linienzucht auf bewiesener Springvererber. Die Hoffnung dieses Potential durch eine gezielte Linienzucht wieder zu beleben, ist durchaus berechtigt. Dazu darf das Endprodukt natürlich nicht vollkommen springbefreit sein, das Vertrauen auf ein Papier darf nicht genügen. Ebenso sollte in möglichst dichter Folge das gewünschte Blut zu finden sein und das möglichst nicht erst in der 10. Generation. Eine gezielte Linienzucht auf bestimmte Hengste ist die einzige Chance eine gewisse Vererbungssicherheit in der Nachzucht zu erhalten.

Diese Pferde mit gezielter Linienzucht entstehen aber in den seltensten Fällen als Zufallsprodukte. Linienzucht ist schließlich auch ein Ansatz, den Vollblutzüchter mit Rennpferden akribisch verfolgen. An gelungenen Produkten herrscht also logischerweise in beiden Lagern Interesse. Denn welcher Züchter wird schon eine Linienzucht auf einen unpopulären Vererber versuchen? Aus Rennsportperspektive züchterisch wertvolle Exemplare werden demnach auch ihre Begehrlichkeiten erzielen.

 

Gezielt springbegabte Linien zusammenzuführen ist bei der Anpaarung von Vollblut mit Warmblut oft schwierig. Wegen der äußerst begrenzten Auswahl an potentiellen Partnern mit deutlicher Linienzucht auf gemeinsame Ahnen ist Vorsicht angebracht. Die Kandidaten sollen schließlich zueinander passen und nicht nur auf dem Papier eine nette Ergänzung darstellen. Dies ist die schwierigste und zugleich wichtigste Auflage, die es zu beachten gilt.

Die Sinnhaftigkeit dieses Ansatzes orientiert sich aber auch maßgeblich daran, wie deutlich der Einfluss des gewählten Hengstes oder der Stutenlinie sein kann, vor allem weil sich solche merklichen Anhäufungen erst in hinteren Generationen verwirklichen lassen. Eine Linienzucht sollte möglichst bereits in 4. bis 6. Generation angestrebt werden, um eine vorhersehbare Wirkung entfalten zu können.

 

Auswahlkriterium: Vollblut von einem in der Warmblutzucht aktiven Vollbluthengst

Durchaus erfolgversprechend ist auch die Variante eine Vollblutstute gezielt an einen in der Warmblutzucht herausragenden Vollbluthengst anzupaaren. Beispiele für diese Praktik sind die gekörten Hengste Lovely Crusador xx oder United Nations xx (beide von Lauries Crusador xx). Weiterhin steht in England der Hengst Handsome Stranger xx von Hand in Glove xx. Hier wurde der sport- und zuchterfolgreiche Vollbluthengst Hand in Glove xx an eine springbegabte französische Mutterlinie angepaart.

Leider ist dieser Ansatz naturgemäß nicht weit verbreitet, da der Markt für blutgeprägte und reine Vollblüter als Reitpferd nicht besonders lohnend ist. Für den Springsektor gibt es in Deutschland bislang kein solches Zuchtprodukt.

Größere Betriebe (wie beispielsweise das Gestüt Birkhof mit Herka xx, einer Vollschwester zu Heraldik xx und Mutter der gekörten Hengste Meraldik und Royaldik) haben bei guter Vermarktbarkeit der fallenden Fohlen aus Anpaarungen mit Warmbluthengsten keine echte Veranlassung solch ein Experiment anzugehen. Aus Vermarktungssicht ist ein Hengstfohlen aus solch einer Anpaarung für einen kleinen Züchter kaum tragbar. Sollte hingegen ein Stutfohlen in erwarteter Qualität fallen, so ist kaum von einem Verkauf auszugehen.

Der Erwerb eines Nachkommen eines Hengstes, der sowohl in Vollblut-, als auch in der Warmblutzucht aktiv ist/ war, verspricht qualitätvolle Nachkommen. Bei diesem Ansatz ließe sich bei entsprechend gutem Mutterstamm die züchterische Qualität des Vaters voll ausschöpfen. Im Idealfall wäre das Pedigree noch auf (Spring-)Linie gezogen, um die Qualität des Vatertiers optimal auszunutzen.

 

 

 

 Verfasst im Dezember 2011

 

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