Die Sportleistung eines Hengstes als Selektionsmerkmal

 

Sportleistung ist der letzte „echte“ Leistungstest in der Sportpferdezucht. Wer Leistung und Härte in seiner Zucht verankert wissen will, kommt um den Sport als Selektionsstufe nicht herum!

Denn weder Körstatus, Stutenleistungsprüfung, Staatsprämie noch andere Schauerfolge können stichhaltig Auskunft über die Leisungsfähigkeit eines Reitpferdes liefern. Nur die Leistung unter dem Sattel unter Sportbedingungen kann hier letzten Aufschluss geben über die Fähigkeiten eines Pferdes.

Überhaupt sollte man sich hüten in der Springpferdezucht Äußerlichkeiten zu viel Gewicht beizumessen. Denn gerade beim Springpferd scheinen manche Kriterien einer Bewertung an der Hand oder beim Freispringen wohlmöglich sogar gänzlich kontraproduktiv, um echte Sportler auszumachen. Denn Schönheit und Korrektheit als Selektionsmerkmale haben sich noch nie positiv auf eine Leistunggssteigerung ausgewirkt und „Schönspringer“ sind nur äußerst selten zu Grand Prix Pferden herangewachsen. Hier wird Schönheitsidealen im Standbild und am Sprung nachgejagt, die mitunter in keiner Relation zum echten Sportgeschehen stehen.

 

Der Tenor der großen Zuchtverbänden ist, trotz unterschiedlicher Herangehensweisen, durchaus ähnlich: Weg von Anpaarungen mit Jung- und Modehengsten und hin zu bewiesenen, möglichst sporterfolgreichen Vererbern!

Ein interessantes Credo, aber was bleibt ist die Auseinandersetzung mit den Gründen warum gerade Hengste mit Sporterfolgen die Zucht weiter bringen als ihre sportlich ungeprüften Kollegen. Schließlich war es vor nicht allzu langer Zeit noch absolut üblich, dass sich Hengste mehr über ihre Nachkommen als über Eigenleistung definiert haben. Dennoch hat es damals einen ganz gewaltigen Zuchtfortschritt gegeben und viele Hengste dieser Zeit gelten auch heute noch als absolute Topvererber, obwohl sie nie den Weg in den Sport angetreten haben. Man denke nur an Florestan I, Weltmeyer oder Polydor. In jüngerer Zeit mag man Graf Top oder Sandro Hit aufführen, denen der fehlende Sporteinsatz hinsichtlich der Nachkommenzahl nicht geschadet hat.

Bei Hengsten mit ausgeprägter Leistungsabstammung kann dieser fehlende Leistungsnachweis im Einzelfall als nicht weiter dramatisch gewertet werden, denn natürlich schmälert dies die Vererbungsleistung einzelner Hengste nicht per se. Der fehlende Sporteinsatz lässt erst einmal keine weiteren Wertungen über die eigene Leistungsfähigkeit oder gar deren Vererbung zu. Contendro I ist ein prominentes Beispiel von einem Hengst, der sich zumindest nicht bis zur höchsten Klasse im Sport bewiesen hat, weil der weitere Sporteinsatz wegen starker Nachfrage des Hengstes schlicht unwirtschaftlich wurde. Hier weisen aber mittlerweile die ersten Nachkommen internationale Erfolge auf und rechtfertigen das weithin hohe Vertrauen in den Vater.

 

Sind Sportler überhaupt die besseren Vererber?

 

Sind Sportpferde unbedingt die besseren Vererber? Grundsätzlich ist das keine zulässige Schlussfolgerung. Denn auch ein Pferd, das nicht sportlich gefördert wurde, kann über eine herausragend gute Genetik verfügen. Das Pferd mag wohlmöglich alle Voraussetzungen mitgebracht haben, um im Sport Erfolge einzuheimsen und schlicht nie die Chance hierzu erhalten haben.

Aber das erfolgreiche Sportpferd kann als Träger einer Anlage verstanden werden. Hat ein Pferd im Sport bewiesen, dass sein Vermögen für die Klasse S reicht, hat es sich leistungsmäßig über viele andere Pferde hinweg, positiv dargestellt. Dies lässt (wenn auch nur bedingt) Aussagen über Härte und Bedienbarkeit zu. Denn ein Pferd, das sich mit seinen Eigenarten selbst im Weg steht oder gesundheitlich nicht belastbar ist, wird diese Stufe der Ausbildung meist überhaupt nicht erreichen.

Da zumindest ein Teil dieser sportlichen Leistung den Genen zugeschrieben werden kann, darf der Schluss nahe liegen, dass gerade die Gene des Top-Sportlers für die Zucht besonders wertvoll sind.

Wenden wir uns nun den Hengsten zu, die es ihren Nachkommen selbst im Großen Sport vorgemacht haben. Hier fallen vor allem die langjährigen Anführer der FN Zuchtwertschätzung Don Schufro und Breitling W auf, oder im Springsektor Stakkato und Cornet Obolensky. Aber die Liste ließe sich mit Levisto Z, Sandro Song, Catoki, Chacco-Blue, Balou du Rouet, Clinton I, Quintero la Silla und im Dressursport mit Briar, Damon Hill, Lancet, Axis, Desperados und Belissimo M auch endlos weiter fortsetzen. Tatsächlich ist der Anteil an Hengsten unter den Sportpferden in den letzten Jahren weiter ansteigend.

Natürlich gibt es auch genug Top-Sportler unterschiedlichster Abstammung, die bislang züchterische Bedeutungslosigkeit erfahren. Als Beispiel seien Olympiasieger Hickstead, sowie die international erfolgreichen Opium VS, Gavi, Cyrano de Bergerac oder in der Dressur Solero TSF, Le Noir oder Olympiateilnehmer Quando-Quando genannt. Vielleicht erfährt der ein oder andere von ihnen noch einen Aufschwung, bislang jedoch zeigt sich hier viel ungenutztes Potential. Pflicht für die züchterische Nutzung ist nämlich natürlich auch ganz klar die finanzielle(!) und ideelle Förderung und Vermarktung eines Hengstes durch dessen Besitzer. Es ist nämlich nicht so, dass internationale Erfolge automatisch gleichbedeutend wären mit starker Nachfrage dieser Hengste durch die Züchter. Sportleistung allein wird in den seltensten Fällen gewürdigt, es muss getrommelt werden!

Eine Problematik bei der Nutzung von sporterfolgreichen Hengsten ist sicher die teils schwierige Verfügbarkeit der Top-Hengste für die Zucht zu aktiven Zeiten. Gerade Eigenleistungsmillionaire wecken Hoffnung auf eine gute Vererbung. Aber dennoch haben viele solcher Hengste zur aktiven Zeit (noch?) nicht den ganz großen Durchbruch erfahren und stoßen immer wieder auf kritische Stimmen aus Züchterreihen. Denn trotz unstrittigem Eigenleistungsnachweis fehlt hier die Nachkommenleistung in hoher Dichte, wohl auch schlicht mangels Masse. Denn natürlich ist der Sport erst einmal Selbstzweck und die Hengste sind in ihrer aktiven Zeit oft nur zeitlich begrenzt oder lediglich über TG für Züchter verfügbar. Diese Entscheidung ist für den Besitzer des Hengstes nachvollziehbar, denn im Sport ist im Regelfall mehr Geld zu verdienen als in der Zucht.

Die Forderung Hengste mit klarer Leistungsaussage zu nutzen, kann also durchaus an die Grenzen des Machbaren stoßen. Es ist aber so oder so nur natürlich, dass Züchter versuchen die Einschätzung zur Leistungsfähigkeit eines Sportlers bereits beim jungen Hengst vorzunehmen. Schließlich werden die Hengste nicht von heute auf morgen zu hervorragenden Sportlern und Vererbern, sondern werden erst mit ihrem Erfolg gemeinhin als solche erkennbar.

  

Selektion auf Sportleistung nur auf der Vaterseite?

Leichter umzusetzen ist eine strikte Leistungsselektion durch Sporteinsatz aus Züchterperspektive immer auf Vaterseite. Gerade bei den Hengsten hat sich in den letzten Jahrzehnten ohnehin eine deutliche Verschiebung in Richtung Sporteinsatz ergeben. War es früher absolut unüblich Hengste im Sport zu verschleissen, wo sie doch auf dem Gestüt schon genug gefordert wurden, so muss heutzutage Eigendarstellung im Sport als Werbung für Vererberqualitäten genutzt werden. Nur aboslut überragende Individuuen können sich dem Sport heute fernhalten und vom Züchter ungestraft davonkommen. Jeder andere Hengst wird in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, wenn ihm die entsprechende Eigendarstellung fehlt.

Während bei der Dressurpferdezucht in Deutschland erschreckend viele Junghengste zum Einsatz kommen, sind Springpferdezüchter konservativer, was die Eigenleistung der Vatertiere angeht. Grundsätzlich ist ein Hengst der selbst internationale Platzierungen vorweisen kann, begehrlicher als ein Junghengst mit einem guten Pedigree. Weil der Alte schon bewiesen hat, dass er selbst kann, was man von den Nachkommen noch erwartet.

 

Talent naturgegeben oder gemacht?

Nun stellt sich die Frage, ob all diese Leistung naturgegeben war oder vom Menschen gemacht? Wie in allen Gebieten rund um die Pferdezucht ist der Einfluss von Umwelt (meist in Form des Reiters) sehr hoch. Studien an Rennpferden legen nahe, dass die Genetik höchstens 20% Einfluss auf die Leistung eines Rennferdes hat, dagegen über 80% von der Umwelt (Trainer, Jockey, Aufzucht etc.) bestimmt werden.

Mir scheint, wenn überhaupt, sind diese Zahlen in der Reitpferdezucht noch höher! Der Einfluss von Gesundheit, Aufzucht, Reiter und Management können nicht überbetont werden. Hier wird über die Zukunft eines Pferdes entschieden. Die Interaktion von Pferd und Reiter sind extrem wichtig für eine gute Sportleistung!

Wie ist der Vorwurf der „gemachten Sportler“ zu werten? Jedes Springpferd im Topsport ist in meinen Augen letztlich „gemacht“: Es ist durch sorgsame Förderung seiner Anlagen und unter Beachtung seiner Stärken und Schwächen erst in die Lage versetzt worden in die Klasse S aufzusteigen. Das ein oder andere Sportpferd mag mehr Glück mit seinem Reiter gehabt haben, aber die gemeinsamen Erfolge kann man ihnen nicht nehmen!

 

Wertvolle Statistiken

Ein beliebtes Mittel zur Überprüfung der Erfolge der Nachzucht ist die Quote an S-erfolgreichen Nachkommen im Springsport über die Daten der FN. Dies funktioniert aber nur für Hengste, die bereits volljährige Nachzucht haben.

Die Quote an S-Springpferden in der Nachzucht als Selektionskriterium kann jedoch alles und nichts ausssagen – je nachdem was man ihnen für einen Wert beimisst! Zahlen unterhalb von 10% der sporteingetragenen Nachkommen (bei Hengsten, die aufgrund ihres Alters genügend volljährige Nachkommen haben!) sollten den Springferdezüchtter stutzig machen. Oberhalb von 10-15% fangen die Topvererber an, was sich bis hin zu Spitzenwerten um 30% (in Deutschland aktuell nur Cornet Obolensky) steigern kann.

Aber man sollte sich vor einem verfrühten Urteil in Acht nehmen. Denn Deckhengste werden sich immer leichter tun aus großer Anzahl von Nachkommen sehr gute Sportler zu rekrutieren als aus wenigen Bedeckungen. Alleine schon, weil mehr über ihre Vererbung bekannt wird und somit zu welchen Stuten der Hengst passt. Masse produziert eben manchmal auch Klasse.

Andere von Züchtern herangezogenen Statistiken, wie das WBFSH-Ranking, setzen die Anzahl der nachkommen ebenfalls nicht in Relation zu den erzielten Erfolgen. Denn die Punktevergabe erfolgt hier pro Platzierung der Nachkommen eines Hengstes. Dieses System bevorzugt somit Vieldecker mit reichlich Nachkommen im Topsport. Ein Vorteil gegenüber den FN-Daten ist jedoch, dass wirklich nur internationale Prüfungen herangezogen werden und bietet daher eine anspruchsvollere Vergleichsgruppe was das Niveau der Parcours angeht.

Etwas Vorsicht sollte man bei ausländischen Hengsten walten lassen, die oft zahlenmäßig mit nur sehr wenigen Nachkommen im deutschen Jahrbuch vertreten sind. Hier ergeben sich oft Fehlschlüsse aus sehr hohen Anteilen an S-Erfolgen, weil in erster Linie bessere Pferde importiert werden und somit die Zahlen verfälschen. Die Bedeckungen im Inland (also Deutschland) durch ausländische Hengsten ist meist den absoluten Elitehengsten vorbehalten und wird auch nur von sehr stark leistungsorientierten Züchtern vorgenommen. Somit steigen die Chancen Nachkommen eines ausländischen Hengstes in der Klasse S anzutreffen.

Für wirklich stark leistungsorientierte Züchter ist selbst der Aussagewert dieser Zahlen noch nicht hoch genug, denn die Klasse S im Springen beginnt bereits bei 1.35m und geht bis zu 1.60m Prüfungen. Daher können von manchen Züchtern erst Platzierungen ab S*** wirklich als aussagekräftig empfunden werden. Wobei ich persönlich denke, dass auch Hengste, die es sportlich nicht in die absolute Elite geschafft haben als Vererber durchaus ihre Berechtigung haben können.

Bei der Beurteilung der Sportleistung stellt sich immer auch die Frage nach den Rahmenbedingungen und insbesondere dem Berittt, der zu solchen Leistungen geführt hat. War es ein Marcus Ehning im Sattel, dem reiterlich großes Fingerspitzengefühl bescheinigt werden kann? Oder war es ein Amateur, der neben seinem Beruf eine handvoll Pferde im Sport vorstellt? Die Erwartungshaltung dürfte unterschiedlich ausfallen. Wobei hiermit nicht unterstellt werden soll, dass die Leistung unter einem Topreiter weniger wert wäre, denn schließlich kann man nur jedem Pferd einen Idealberittt wünschen!

 

Die Verantwortung eines Züchters

Die Selektion auf Sportleistung kann auf vielfältige Art und Weise dazu beitragen eine Zucht leistungsorientierter werden zu lassen. In welcher Form dies stattfindet, liegt in der Hand eines jeden Züchters. Denn nicht jede selbst gezogene Stute kann vom Züchter in den Sport gebracht werden. Überdies wird nicht jede Stute nach einem intensiven Sporteinsatz (wohlmöglich bis zur Klasse S) noch problemlos aufnehmen und Fohlen austragen können. Diese Doppelbelastung darf nicht unterschätzt werden!

Daher muss jeder Züchter nach seinen finanziellen Möglichkeiten und Idealismus entscheiden, was im Rahmen des Möglichen liegt, um die Stuten auf ihre Sport- und damit auch Zuchttauglichkeit hin zu prüfen. Denn nur die besten Stuten gehören in die Zucht!

 

 

Gleich zum selben Thema weiterlesen: Leistung um jeden Preis?

 

Verfasst im März 2014

info@sportundzucht.de