Die Mähr vom spätreifen Blutpferd

 

„Hoch im Blut stehende Pferde sind spätreif, die brauchen einfach länger in der Entwicklung.“ sagt der Warmblutzüchter.

„Vollblüter werden auf Frühreife selektiert und sehen schon im jungen Alter sehr fertig aus.“ sagt der Vollblutzüchter.

Scheinbar unvereinbare Aussagen. Wer von den Beiden hat Recht? Oder könnten tatsächlich beide Personen mit ihren Aussagen richtig liegen?

Immer wieder höre ich Züchter mit hoch im Blut stehenden Jungpferden klagen, dass ihre Halbblüter als Jungpferde einfach nicht so weit entwickelt sind, wie der Rest der warmblütigen Gruppe. Meine Meinung dazu: Das Hauptproblem von Vollblütern und hoch im Blut stehenden Pferden, die in ihrem Entwicklungsstand in den Händen von Warmblutzüchtern und Reitern hinterherhinken, ist die für sie unangemessene Fütterung.

 

Woher weiß man nun wann es zu wenig ist? Ein Blick auf die nachfolgenden Bilder soll weniger anprangern, als vielmehr ein Bewusstsein dafür wecken, wann zu wenig gefüttert wird. Zwei der Pferde sind Halbblüter, alle drei sind im Futterzustand ungenügend bei Weidehaltung im Spätsommer/ Herbst.

 

 Absetzer

 Jährling

 Zweijähriger

 

Die Reaktion der Warmbluthalter auf solch eine Unterstellung ist oft die größter Entrüstung: „Ich lasse meine Pferde doch nicht hungern, die stehen auf satten Weiden - so ein Unfug!“ Aber dem warmblutgewohnten Auge entgeht doch allzu häufig, dass Vollblüter und auch viele blutgeprägte Pferde andere Ernährungsgewohnheiten pflegen als Warmblüter. Ihr aktiver Muskelstoffwechsel sorgt dafür, dass sie auch im Erhaltungsbedarf im Schnitt deutlich mehr Futter brauchen als ihre warmblütigen Kollegen. (Siehe Artikel: Muskelfasertyp und Sportleistung)

Insbesondere in den Phasen großen Wachstums ist der Körper aber auf optimale Versorgung angewiesen. Es ist auch nicht schlimm, wenn mal ein Defizit über ein paar Wochen in Phasen von Wachstum oder Krankheit auftreten, wichtig ist, dass dies nicht zum Dauerzustand wird und solche Mangelphasen baldmöglichst wieder abgestellt werden. Gerade in den ersten Lebensmonaten und –jahren werden Höchstleistungen durch Wachstum erbracht. Bei unzureichender Fütterung treten an dieser Stelle mitunter erhebliche Defizite auf. Der Warmblutzüchter wundert sich über das blutgeprägte Pferd, das bei selber Fütterung dürftig dasteht. "Der bekommt doch nicht weniger als die anderen und ist trotzdem immer rippig“ heißt es dann anklagend.

Nun lautet eine alte Bauernweisheit, man solle Jährlinge und Zweijährige lieber knapp halten, oder „großhungern“ lassen. Kann also alles gar nicht so schlimm sein, beruhigt sich der Züchter. Der Ausspruch mag für leichtfuttrige Warmblüter auf fetten Marschweiden auch zutreffend sein. Diese Einstellung sorgt aber dafür, dass hoch im Blut stehende Pferde gern mal ziemlich spindelig aussehen.

Die Folge ist naturgemäß eine verzögerte Entwicklung, denn nur vorhandene Energie kann in Wachstum gesteckt werden. Solange die Versorgung mit Mineralstoffen und Spurenelementen hinreichend gesichert ist, geht solch eine Unterversorgung über gewisse Zeiträume in der Regel ohne Spätschäden einher. Der 3-jährige Halbblüter sieht dann lediglich im Vergleich zu seinen warmblütigen Altersgenossen unfertig aus. Spätreif eben. Und so wundert sich niemand, denn diesen Ruf haben hoch im Blut stehende Pferde schließlich auch.

Über diese Aussage würde der Vollblutzüchter sich freilich sehr wohl wundern. Denn nirgendwo hat ein „frühes“ Pferd mehr Wert, als in der Vollblutzucht. Ein Ausflug in die Welt der Rennpferde und großen Vollblutgestüte bringt dem Warmblutzüchter ungeahnte Einsichten.

 

Aufzucht im Vollblutgestüt

In der Vollblutzucht gelten in der Jungpferdeaufzucht durchweg andere Maßstäbe als in der Warmblutzucht. Hier wird nichts dem Zufall überlassen und die Pferde sehen durchweg bombig aus. Nur die wenigsten Zuchtstuten kommen im Sommer trotz weitläufigen Weiden bei 24 Stunden Weidegang mit Fohlen bei Fuß ohne Zufütterung aus. Was beim Warmblutzüchter Standard ist, kann sich ein Vollblutzüchter schlicht nicht erlauben. Jede Abweichung vom Ideal oder gar Einbruch im Futterzustand der Zuchtstute bedeutet Einbußen in der Entwicklung des Fohlens.

Nirgendwo wird so viel Sorgfalt auf Fütterung und Haltung verwendet wie im Vollblutgestüt. Der Grund ist ganz einfach: Es geht um Geld – viel Geld! In der Vollblutzucht werden viele wichtige und prestigeträchtigste Rennen (u.a. das Deutsche Derby), mit 3-jährigen Pferden bestritten. Es bleibt also nicht viel Zeit eine unbeschwerte Kindheit zu genießen, die Arbeit ruft!

 Die Arbeit im frühen Alter von späten Jährlingen stößt bei Warmblutkennern oft übel auf (Stichwort Kinderarbeit). Paradoxerweise hat gerade das frühe Training der Vollblüter einen nachweislich positiven Einfluss auf die Belastbarkeit von Herz-Kreislaufsystem und Pferdebeinen. Vollblüter, die aus Rücksicht auf ihre Gesundheit erst spät ins Renntraining genommen werden, scheiden im Durchschnitt wesentlich früher wieder aus dem Sport aus, als ihre armen Kollegen, die schon früher antrainiert wurden. Die Wissenschaft erklärt sich dies mit der Anpassung des Organismus an spätere Höchstleistungen. Sehnen, Bänder und Knochen werden belastbarer, das Lungenvolumen größer und die Verletzungsanfälligkeit sinkt dadurch.

So wundert es wiederum nicht, dass erfolgreiche Vollblutgestüte sich stets an modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichten und große Sorfalt in die Jungpferdeaufzucht stecken. Althergebracht nutzt nichts, wenn sich so kein Erfolg einstellt. Bei den Auktionen für junge Rennpferde wie der BBAG werden aus Warmblutsicht horrende Summen für vielversprechende Jährlinge ausgegeben. 6-stellige Summen sind dabei keine Ausnahme.

Für den teuren Abverkauf entscheidend sind ein aktuelles Leistungs-Pedigree und an allererster Stelle ein hervorragender Allgemeinzustand. Schließlich sollen diese Youngster schon bald Höchstleistungen als Sportler erbringen! Hier werden Top-Sportler gehandelt und die müssen optisch in jeder Hichsicht überzeugen. Weit entwickelte Pferde mit optimalem Muskelansatz sind im Vorteil. Muskelmasse setzt natürlich Training der entsprechenden Partien voraus, oder beim Fohlen zumindest viel Bewegung auf der Weide. Muskulatur kann aber nur dann entstehen, wenn die richtige Grundlage dafür gelegt wird. Es muss also mehr Futter zur Verfügung stehen, als der reine Erhaltungsbedarf und das Wachstum verlangen, sowie die Energie bereitstellen, die in Bewegung und Muskulatur umgesetzt wird.

Vollblüter, die knapp im Futter gehalten werden, sehen insbesondere im Jungpferdealter schnell kantig aus und stehen in der Entwicklung hintenan. Die Muskulatur ist unterdurchschnittlich entwickelt. In so ein Pferd würde ein ambitionierter Käufer niemals kostendeckende Summen investieren, um es auf die Bahn zu bringen. Der Fehlstart im Leben ist schließlich schon im Züchterstall vorprogrammiert worden, warum sollte es auf der Bahn dann andes laufen?

 

Eine weitere Annekdote deckt die unterschiedliche Versorgungslage auf: Die Aufzucht eines Vollblutabsetzers im Volllblutgestüt kostet oft das Doppelte bis Dreifache von dem, was im Aufzuchtstall der Warmblutzüchter verlangt wird. Das ist nicht allein in der Ausbeutung der Kaufkraft des Klientels begründet. Im Vollblutgestüt werden deutlich höhere Maßstäbe an tägliche Bewegung an der frischen Luft (insbesondere in den Wintermonaten), beste Weiden und eben die optimale (Zu-)Fütterung gelegt. Diese Mehrkosten müssen entsprechend honoriert werden.

Nun gab es nicht erst einen findigen Vollblutbesitzer, der meinte diese horrenden Kosten umgehen zu können, indem er seine Pferde bei Warmblutzüchtern in Aufzucht gegeben hat. Die Resultate waren in allen mir persönlich bekannten Fällen niederschmetternd. Es entstanden regelmäßig sichtbare, teils erhebliche Defizite in der Entwicklung der Jungpferde. Dies trotz nach Warmblutmaßstäben optimaler Versorgung der Jungpferde. Dies sowohl im Verhältnis zu den Warmblütern und erst Recht im Verhältnis zu ihren Alterskollegen im Vollblutsgestüt. Der einzige nennenswerte Unterschied in der Haltung ließ sich in der geringeren Zufütterung der Pferde mit Kraftfutter begründen.

 

Wer gut entwickelte, muskulöse Jungpferde mit hohem Vollblutanteil wünscht, sollte sich intensiv mit der richtigen Fütterung derselben auseinandersetzen. Weder Pülverchen noch Zaubertricks sind von Nöten, lediglich das richtige Grundfutter im Trog und vor allem genügend davon.

 

Wieviel wovon?

Der alte Stallmeister empfiehlt Fohlen mit einem Pfund Hafer pro Lebensmonat zu füttern. Ein Absetzer mit 6 Monaten bekäme demnach rund 3 kg Hafer pro Tag im Herbst, was im Winter auf 4 kg gesteigert werden kann. Diese Rationsgestaltung wird nur in den wenigsten Aufzuchtställen eingehalten. Für blütige Fohlen ist dies jedoch ein guter Richtwert. Wie immer gilt: Das Auge füttert mit! Die Ration sollte an leicht- oder schwerfuttrige Individuen angepasst werden.

Beim Jährling reduziert sich die Wachstumsgeschwindigkeit im Verhältnis zum Absatzfohlen wieder und daher sollte dieser ein bisschen knapper gehalten werden. Ein blütiger Jährling kann bei entsprechend viel Bewegung im Herdenverband auf großen Flächen aber gern 4-5kg Kraftfutter täglich erhalten.

Nun ist Hafer trotz aller Vorzüge für die Pferdefütterung (siehe Futtermittelkunde) kein ideales Grundfutter für ein Jungpferd im Wachstum. Weder der niedrige Eiweißgehalt noch das Calcium-Phosphor-Verhältnis des Hafers sind einem Jungpferd auf Dauer zuträglich. Eine Ergänzung mit Mineralfutter, Luzerne und Sojaschrot bietet sich geradezu an, um die Ration aufzuwerten. Der Futtermittelhandel bietet zudem eine große Auswahl an Aufzuchtfutter an.

 

Schlussworte

Natürlich gibt es auch einfach wenig überzeugende, blütige Jungpferde, bei denen alles Kraftfutter der Welt nicht reicht, um aus ihnen muskulöse Hingucker-Typen zu machen. Außerdem sollte kein Heranwachsender fett gefüttert sein, das belastet unnötig den ganzen Bewegungsapparat. Es sollen auf keinen Fall Fettpolster die Muskulatur ersetzen, auch ein gut entwickeltes Pferd sollte kein Gramm Fett zu viel mit sich rumschleppen müssen!

Im Zweifel entscheiden sich die meisten Pferdehalter aber scheinbar für den Weg die Pferde sehr schlank zu halten. Das jedenfalls bekommt man zu sehen, wenn man über Land unterwegs ist und einen Blick auf die Jungpferdeherden der Warmblutzüchter wirft. Auf den Laien wirken die rippigen Pferde schlicht weniger propper, auf den Profi dagegen erst einmal unbedeutend und wenig muskulös. Das Problem ist, die Übergänge von rippig zu schlecht entwickelt sind schleichend. Ein schlecht gefüttertes Pferd ist selbst vom absoluten Kenner nur schwer zu beurteilen und ganz sicher kaum zu vermarkten.

Wenn es keine gravierenden Versäumnisse in der Fütterung gibt, werden die Pferde auch mit knapper Zufütterung ihre genetisch festgelegte Endgröße erreichen und vollständige Entwicklung vollziehen; es dauert halt nur etwas länger. Von daher zahlt sich Geduld tatsächlich aus – was gern als ein weiteres Indiz für das sogenannte spätreife Blutpferd gewertet wird. Eine Verwechslung von Ursache und Wirkung, so denke ich.

Problematisch wird es, wenn es für die hoch im Blut stehenden Pferde um Erfolg im frühen Alter geht. Auf Fohlenschauen und bei Hengstkörungen sehen sich viele Züchter mit hoch im Blut stehenden Pferden regelmäßig benachteiligt. Nun kann man nicht aus jedem hässlichen Entlein mit einer Schippe mehr Hafer einen Schwan zaubern. Aber daran soll es doch im Zweifelsfall auch nicht scheitern! Denn es ist nicht immer ein Mangel an Qualität, sondern oft genug schlicht ein nicht optimales Herausbringen der Pferde, das für „ungeschliffene Diamanten“ sorgt.

 

Ich hoffe mit diesem Statement einen Anreiz dafür geliefert haben zu können, sich diesen Gedankenansatz einmal durch den Kopf gehen zu lassen... und wohlmöglich den Mut zu finden es zukünftig anders zu machen!

 


Verfasst im Oktober 2013

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