Ursachen für den Rückgang des Vollblüters in Warmblutzucht und -Sport

 

 Warum sind reine Vollblüter im Topsport rückläufig, wenn der Blutanteil der Sportpferde insbesondere im Springsport kontinuierlich steigt? Was wie ein Widerspruch klingt, hat seine logischen Ursachen. Nachfolgend möchte ich 10 gute Gründe dafür aufführen, warum es immer unwahrscheinlicher wird, dass der Vollblüter den Reitsport beflügelt – und dabei ausführen, warum dies dennoch erstrebenswert ist.

 

1. Der Reitsport ist nicht lukrativ genug für Vollblutbesitzer

 Das deutsche Direktorium für Vollblutzucht und -rennen ist ein sehr elitär orientierter Verband ohne das geringste Interesse einer organisierten Kooperation oder Vermittlung in den Reitsport. Die Vermarktung der Vollblüter als Reitpferd ist verbandsseitig ausdrücklich unerwünscht. Überhaupt wird eine Nutzung des Vollblüters im Reitsport als zweitklassiges Engagement erachtet, das maximal nach einer erfolglosen Karriere im Rennsport in Ordnung ist. Die Gründe hierfür sind eindeutig: Der Vollblüter wird traditionell für den Rennsport gezüchtet. Allein dieser Nutzungszweck kann sich als einigermaßen rentabel erweisen (und selbst das ist zumeist illusorisch). Sollte es zu einer Vermittlung in den Reitsport kommen, so geht dies im Regelfall von dem Engagement und Expertise von Einzelpersonen aus.

 

2. Keinerlei Vermarktungsstrukturen – Mangel an Kontakten

 Der Rennsport ist für Reiter eine eigene und fremde Welt. Hierdurch sind regelmäßig keine Kontakte für den Reiter zum Rennsport vorhanden. Für den vollblutfreudigen Reiter gibt es ohne entsprechende Bekanntschaften in die Rennsportszene wenig Möglichkeiten sich an geeignete Pferde heranzutasten. Wo soll man anfragen? Wer kann seriös weiterhelfen?

Die Abläufe sind dadurch von vornherein erschwert. Das gewohnte Ausprobieren vor dem Kauf ist für Reiter problematisch. Praktische Probleme können auftreten, durch die unterschiedlichen Ansprüche der Sparten. So fehlt den meisten Trainern und Zuchtbetrieben im Vollblutsektor aus Reitersicht eine Reithalle. Auch der Spring- oder Vielseitigkeitsreiter hat Ansprüche und möchte den Kontakt seines zukünftigen Sportpferdes mit bunten Stangen erleben. Dies ist im Regelfall nicht umsetzbar, weil meistens a) die Trainingsmöglichkeiten und b) die Ahnung für ein wenig Training fehlen. Ein Mindestmaß an Geschick am Sprung ist aber für den Kaufinteressenten eine Mindestvoraussetzung, um die Qualität des Pferdes einschätzen zu können.

Hier braucht es ohne geeignete Rahmenbedingungen bereits einiges an Fachwissen seitens des Käufers, um die für ihn geeigneten Pferde zu erkennen und sich nicht mit der Neuanschaffung zu verrennen. Das trauen sich die wenigsten Reiter selber zu. Wenn nicht bereits vertrauenswürdige Kontakte in die Sparte Rennsport bestehen, lässt man besser die Finger davon.

 

3. Verlierertypen wecken keine Begehrlichkeiten

Der „typische Vollblüter“ in der öffentlichen Wahrnehmung im Reitsport ist von einem in jeder Hinsicht unterdurchschnittlichen Vollblüter geprägt. Kein Wunder also, wenn Reiter bei dem Gedanken an Vollblut kleine unbedeutende Muckel mit Charakterschwächen vor Augen haben. Wo sollen sie auch jemals Siegertypen begegnet sein? Auf die Rennbahn haben sich nur die wenigsten von ihnen jemals hin verirrt. Dabei sollte man bereits im Führring die Unterschiede zwischen den Pferden erkennen können, wenn man die Einlaufprüfungen mit den Gruppepferden im Hauptrennen vergleicht. Das ist meist eine komplett andere Liga Pferd. Wer also einmal einen „richtigen“ Vollblüter sehen will, der muss schon nach der Oberliga Ausschau halten.

Zum Vergleich stelle man sich vor ein Interessent aus dem Ausland würde sich zur Beurteilung der Qualität der hiesigen Warmblutzucht zu einem lokalen Jugendreiterwettbewerb begeben. An der Qualität der dort öffentlich gezeigten Pferde möchte sich bestimmt kein Warmblutzuchtverband messen lassen.

Zur Klarstellung: Eine unterdurchschnittliche Rennleistung kann 1.000 Ursachen haben und sehe ich nicht als Voraussetzung für einen Erfolg im Reitsport. Aber auch wenn es unter den Verlierern der Rennbahn ungeschliffene Diamanten gibt, so sind diese zumindest für den Laien schwerer auf den ersten Blick als solche zu erkennen.

 

4. Keine Vorauswahl durch Mangel an Experten

Eine Karriere im Reitsport ist daher davon abhängig, ob das Pferd einen wohlwollenden Besitzer hat, der eine solche Vermittlung anstrebt. Weiterhin entscheidet, ob das Pferd im Vollblutsektor überhaupt einen realistischen Marktwert hat. Wenn nicht, bleibt unter Umständen nur der Reitsport als Abnehmer übrig.

Welches Pferd in den Reitsport findet, ist oft vollkommen dem Zufall überlassen und hat meist nichts mit besonderer Eignung oder Vorauswahl zu tun. Allenfalls eine gewisse Gutmütigkeit hilft dabei einen dauerhaften Platz in Reiterhand zu finden. Selbst wenn bestimmte Tiere womöglich überaus geeignet für eine Karriere im Reitsport wären, gibt es keinen Handlungsdruck dies festzustellen.

Es gibt ohnehin kaum Experten, die überhaupt genügend Sachverstand aus beiden Sparten mitbringen, um eine Vorauswahl an geeigneten Pferden treffen zu können. Das führt dazu, dass es noch weniger Ansprechpartner gibt, die bei Kaufinteresse beratend tätig werden können. Da beide Sparten nicht voneinander abhängig sind, gibt es kaum noch Überlappungen in der Szene. Es findet somit kaum Vorselektion oder Filterfunktion statt, bevor die Tiere dem Reiter angeboten werden. 


5. Die Anzahl der Vollblüter ist auf dem Rückmarsch

Den Rückgang des Vollblüters im Reitsport kann man auch ganz pragmatisch damit erklären, dass es seit Jahren immer weniger Vollblüter gibt. Zahlenmäßig ist die deutsche Vollblutzucht stark rückläufig. In Zeiten von schwächelnder Wirtschaft reduziert sich das Interesse an Investitionen in Luxusgüter wie Rennpferden offenbar erheblich.

Obwohl die Leistung der deutschen Vollblüter nie so hohe Anerkennung im Ausland erfahren hat wie aktuell, schrumpft die deutsche Vollblutzucht zahlenmäßig unaufhaltsam weiter. In 2010 gab es erstmals unter 1.000 registrierten Fohlen pro Jahrgang, die Zahlen sind seitdem sogar weiter bis auf unter 800 Fohlen geschrumpft. 

Das Interesse des Direktoriums an einer Kooperation mit dem Reitsport schwindet, denn der Ernst der Lage bedeutet, dass die Vollblut-Reinzucht weitere Abgänge kaum noch verkraften kann.

 

6. Kein Vertrauen in die Leistungsfähigkeit von Vollblütern im Turniersport

Der Mangel an Vollblütern im Reitsport sorgt dafür, dass eine gewisse Unsicherheit darüber verbreitet ist, ob die Pferde für diese Sparte überhaupt konkurrenzfähig sind. Der schlechte Ruf als Sportpferd wird verstärkt durch einen Mangel an Präsenz im Reitsport. Vor einigen Jahrzehnten war der Vollblüter noch wesentlich öfter im Turniersport anzutreffen, deren Anzahl tendiert heute gegen Null und man sucht vergeblich nach Positiv-Beispiele von erfolgreichen Sportlern. Fakt ist, es fehlen Vorbilder und somit das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Vollblüters im Reitsport.

 

7. Niedrigpreis lockt keine Top-Reiter an

Neben dem Zuchteinsatz in der Reinzucht oder der frühen Rente gibt es nicht viele Alternativen zum Schlachter für den als Rennpferd ausrangierten Vollblüter. Aufgrund des niedrigen Preisgefüges für Vollblüter finden sie vornehmlich in den Freizeitsektor. Allerdings verlaufen nicht alle Vermittlungen im Sinne des Pferdes, wenn der ehemalige Hochleistungssportler damit auf dem Abstellgleis landet. Manchmal ist der Weg zum Schlachter für kranke Pferde das geringere Übel.

Durch das Niedrigpreis-Image und viele Freizeitreiter als Besitzer bedingt sich eine schlechte Außendarstellung des Vollblüters. Eine unterstellte Charakterschwäche wird durch mangelhafte Reitkünste der Besitzer oft verstärkt. Die Verbreitung des Vollblüters im Niedrigpreissegment und in Freizeitställen hat zu einem schlechten Ruf geführt, der so nicht immer gerechtfertigt ist und oft genug ebenso in der Unfähigkeit seiner Besitzer liegt, diesem Hochleistungssportler gerecht zu werden.

Interessant wäre allem, ob eine Handvoll ausgewählter Vollblüter mit den richtigen Reitern nicht ebenso in den Topsport finden würden, wie eigens dafür gezogene Warmblüter. Mit dem nötigen Kleingeld ein lohnendes Experiment. Denn auch beim Warmblüter gibt es genug „gemachte Sportler“, deren Topberitt für eine gute Selbstdarstellung im Sport gesorgt hat, die unter einem Amateur schlicht undenkbar gewesen wäre. Jedes Pferd hat seine Chance verdient.

 

8. Die Frage der Haltbarkeit

Eine Frage, die viele Reiter beschäftigt, die einen von der Rennbahn ausgemusterten Sportler kaufen, ist, ob dieser der gewünschten intensiven reiterlichen Nutzung überhaupt standhält. Verknüpft mit diesem Punkt ist die Frage nach der Rentabilität der weiteren Ausbildung. Wer das Ziel der Förderung für den Turniersport vor Augen hat, möchte schließlich über lange Jahre das Pferd zu Höchstleistungen aufbauen. Es wäre absolut unvorteilhaft, wenn das Pferd dann ausfällt, wenn es für diese höheren Leistungen ausgebildet wurde, weil klar wird, dass es der Belastung nicht standhält.

Ein Vollblüter, der von der Rennbahn ausgemustert wird, hat zumeist schon ein paar Jahre auf der Rennbahn hinter sich. Damit ist wertvolle Zeit verstrichen, denn das gesamte Turniersportsystem der FN ist auf junge Pferde ausgelegt. Mit einer älteren Remonte den Turniereinstieg zu finden, ohne von den Aufbauprüfungen explizit für junge Pferde profitieren zu können, ist schwierig. Gerade in der Vielseitigkeit lohnt sich der späte Einstieg kaum, weil eine lange Phase der vertrauensbildenden Maßnahmen durch diese Einlaufprüfungen verloren geht.

 

9. Ausbildung der Reiter

Man möchte möglichst bald Erfolg sehen und sich nicht lange mit Problemen aufhalten. Die Jugend ist immer weniger bereit, Ausbildungsfehler beim Pferd durch mangelhaftes Können ihrerseits zu erklären, es ist wenig opportun Fehler beim Reiter zu suchen. Ein Pferd, das hochgradig sensibel auf grobe Ausbildungsmethoden reagiert, ist da fehl am Platze. Ältere Wiedereinsteiger dagegen versprechen sich von ihrem Pferd zumeist Freizeitvergnügen und möchten ein möglichst kooperatives Pferd hierzu.

Die Zeiten, wo Pferde über eine gezielte, altersgemäße Grundausbildung für den großen Sport ausgebildet wurden, sind vorbei. Man möchte Erfolge sehen und ist nicht bereit darauf lange zu verzichten. Jedes Jahr, das länger investiert werden muss, wird als Verlust gewertet.

 

10. Warmblut ist marktgängiger

Wer ein Sportpferd möchte, geht nicht das Risiko ein, es mit einem no-name Produkt zu versuchen, wenn es attraktivere Angebote von bekannten Herstellern gibt. Die Warmblutzuchten schlafen nicht und stehen in harter gegenseitiger Konkurrenz. Die Zuchtverbände verhalten sich umgekehrt proportional aktiv in der Vermarktung. Mit Plattformen wie Auktionen kann ein Zuchtverband dem Interessenten von Fachleuten vorausgewählte Elitepferde in nettem Ambiente nahebringen.

Die um sich greifende Pedigree-Hörigkeit vieler Reiter durch den Vermarktungshype der Verbände sorgt dafür, dass immer weniger Reiter es Pferden mit no-name Abstammung zutrauen Leistung zu erbringen. Diese Einschätzung mag vollkommen falsch sein, aber bei einer gänzlich unbekannten Abstammung kennt kein Reiter die Elterntiere, die eine gewisse Referenz für das zu erwartende Talent darstellen. Dahingegen geben Topsportler im Pedigree eine gewisse Referenz für die Qualität der Nachkommen – so die Hoffnung. Hinzu kommt, dass der Warmblüter als Reitpferd eine ganz andere Lobby hat.

 

11. Vollblüter setzen sich in der Zucht nicht mehr wie früher durch

 Die Stagnation in der Zucht ist sicher bedingt durch viele Faktoren und es können hier der Übersichtlichkeit halber nur die wichtigsten Aspekte angerissen werden.

 Eine Mitschuld tragen minimale Bedeckungszahlen, die den Vollblüter von vornherein zum Nischenprodukt in der Warmblutzucht machen. Die Bedeckungszahlen der Vollblüter sind nicht hoch genug, um aus der Masse an Vererbern herauszustechen. Züchterische Bedeutungslosigkeit ungeachtet der Qualität der Nachkommen ist die Folge, denn in der Breite ist die Qualität der zugeführten Stuten mäßig.

 Hengsthalter sind Geschäftsleute. Die wenigsten Hengsthalter sind bereit einen Hengst aufzustellen, der sich nicht rentiert. Vielerorts komplettiert der Vollbluthengst mehr aus Traditions-Bewusstsein als aus Überzeugung das althergebrachte Bild im Beschälerkatalog. Aber selten wird dem Vollblüter eine zentrale Rolle oder gar außergewöhnliche Wertschätzung entgegengebracht. Er nimmt eher die Rolle des ungewünschten Stiefkindes ein.

 

 

Alles nur Ausreden?

 

Es lohnt nicht, für Versagen eine Ausrede finden zu wollen. Mir liegt es fern nach Gründen zu suchen, warum der Vollblüter im Reitsport zum Scheitern verurteilt ist. Aber in unserer heutigen kommerziellen, erfolgsorientierten Pferdezucht steht der Vollblüter nun einmal ohne Lobbygruppe da. Qualität alleine setzt sich nicht unbedingt durch, das ist ein Irrglaube früherer Zeiten.

Auch als bekennender Vollblutfan muss man den Schwächen der Vollblüter offen gegenüber stehen. Aber vermeintliche Schwächen dürfen durchaus in Kontext gesetzt werden unter Akzeptanz der veränderten Rahmenbedingungen. Statt Resignation vor der Aufgabe den richtigen Vollblüter zu finden, gilt es jetzt erst Recht auf den richtigen Blüter zu setzen.

 

 

Verfasst im Oktober 2015

 

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