Kommunikation statt Dominanz – Natural Horsemanship und Co in der Kritik

 

 

 

Die Erziehung des Pferdes funktioniert grundsätzlich über Druck aufbauen und wegnehmen. Der Grad der Härte ist dabei beliebig abstufbar und somit kann die Umsetzung unterschiedlich drastisch wirken. Die Prämisse für Viele: Nur wer dominant oder „Chef“ im Ring ist, kann im Umgang mit Pferden Erfolg haben. Das Durchsetzen eines Anliegens mit aggressiver Körpersprache soll diesen Erfolg bringen.

 

 

 

Warum Methoden wie Natural Horsemanship?

 

Wie kommen die meisten Pferdebesitzer zu Natural Horsemanship oder anderen Gurus? Irgendetwas im Umgang mit dem Pferd klappt nicht so wie es soll. Man sucht nach einer Methode, die das Problem beseitigt. Und dies möglichst schnell, weil so ein Zustand für den Pferdehalter unangenehm ist.

 

Dominanztraining oder Natural Horsemanship, es gibt viele Methoden, die mit vergleichbaren Techniken arbeiten. Die Aufforderung an das Pferd lautet: Der Druck wird solange erhöht, bis du weichst! Tu was man dir sagt und man lässt dich in Ruhe. Das Dominanzprinzip funktioniert, weil es für das Pferd logisch durchschaubar ist.

 

Der Charme der Methode ist, dass diese Art der Bodenarbeit Pferde brav und gehorsam macht. Das Pferd ist auch durch einen weniger versierten Pferdebesitzer leicht zu bedienen. Aber ich stelle immer wieder fest, dass selbst bedachte Reiter sich nicht die Frage stellen, warum das System funktioniert? Was macht Natural Horsemanship mit dem Pferd?

 

 

 

Warum funktioniert es?

 

Angeblich imitiert das Verhalten von Parelli (und diverser anderer Gurus) das ranghohe Pferd, das Raum einnimmt und das Weichen von rangniederen Pferden einfordert. Weil sich die Methode am natürlichen Pferdeverhalten orientiert, ist es gewaltfrei und nachvollziehbar für das Pferd. So weit so gut.

 

Der Mensch nimmt dem Pferd konsequent als Mittel der Machtdemonstration seinen Raum und seine Entscheidungsfreiheit ab. Die ständige Machtdemonstration gegenüber dem Pferd macht auch das wehrhafteste Pferd irgendwann mürbe, weil Gehorsam der einzige Weg ist, sich den menschlichen Forderungen zu entziehen. Auf das Pferd wirken wir dabei wie ein Kontroll-Freak, der ihm keinen Schritt alleine zutraut.

 

 

 

Die Kritik

 

Ständige Korrekturen des Pferdebesitzers (Beispiel Kopf absenken, Kontrolle über das Blickfeld erlangen) ist viel zerstörender für die Psyche des Pferdes, als sich die Anwender bewusst machen. Es ist keine Freiwilligkeit seitens des Pferdes gegeben.

 

Das perfide dabei: Je mehr Wiederholungen und Konsequenz der Mensch in die immer gleichen Übungen investiert, desto besser klappt es. Denn das Pferd resigniert und befolgt die Übungen vermehrt auch auf feine Hilfen, um einer ansonsten androhenden groben Einwirkung zu entrinnen. Das wirkt kooperativ und durchlässig. Für das Pferd birgt dies ein hohes Maß an Frustration, denn Eigeninitiative ist nicht gefragt.

 

Auf mich wirken Parelli-Pferde dann auch regelmäßig wie weggetreten und willenlos. Wie Roboter, die Befehle befolgen. Die Übungen sehen aus wie eine einstudierte Freiheitsdressur, wo das Pferd zum reinen Befehlsempfänger degradiert wird. Die Parallelen sind hoch: Das Mensch studiert ein Programm ein und das Pferd wirkt dabei präzise auf feine Hilfen reagierend, dabei spult es nur eine zuvor einstudierte Abfolge an Kommandos ab. Hier entsteht aber keine echte Verbindung zum Pferd oder gar echte Kommunikation.

 

Von der zugrunde liegenden Idee ist man nicht viel entfernt von den Prinzipien der Rollkur. Auch hier wird -notfalls mit gewaltsamen Durchgreifen- die absolute Unterordnung des Pferdes als Ziel angestrebt. Das Pferd resigniert und gehorcht als zuverlässigste Methode ständigem Stress durch Korrekturen zu entgehen. Monotone Wiederholungen verfestigen die Abfolge und machen dauerhaft willenlos. Das Pferd wehrt sich immer weniger, selbst wenn es massiv bedrängt wird und paradoxerweise sogar wenn der Druck reduziert wird. Der Grund dafür nennt sich erlernte Hilflosigkeit und muss für das Pferd echte Qualen bedeuten.

 

 

 

Wo kommt der gute Ruf her?

 

Die Arbeit von Parelli Und Co. erinnert mich regelmäßig an Unterordnungsübungen im Hundesport. Das hat nichts mehr mit wirklichem Miteinander zu tun, sondern das Pferd wird zum Befehlsempfänger degradiert. Das Ausführen von Übungen nach Schema F ersetzt keine vertrauensvolle Beziehung.

 

Ich habe den Eindruck diese Methode wird durch die breite Öffentlichkeit wesentlich positiver wahrgenommen, als sie es verdient. Ähnlich wie bei Monty Robert’s Join Up Methode wird der publikumswirksam auf den ersten Blick gänzlich gewaltfreie Eindruck erst auf den zweiten Blick getrübt durch die zugrundeliegenden Machtdemonstrationen und den erheblichen psychischen Druck auf das Pferd. Für diesen Einblick braucht es aber relativ viel Hintergrundwissen. Die Anhänger der Methode haben noch nicht erkannt, dass es an dem Element Freiwilligkeit mangelt.

 

Ein Festhalten des Pferdes durch Halfter oder Zäune führt zu einer gewissen Perspektivlosigkeit, weil dem Pferd die Chance genommen wird, sich effektiv zu widersetzen oder zu entziehen. Das Pferd bekommt keine reale Chance den Forderungen des Menschen zu entgehen und fügt sich. Es wird ihm konsequent abtrainiert seinen Unmut zu äußern, wenn ihm mit zu viel Druck begegnet wird. Wir sehen einen Roboter, der Dienst nach Vorschrift erledigt, keine Freude an seinem Tun hat und sich baldmöglichst von seinem Reiter wieder distanziert.

 

 

 

Was wäre natürlich?

 

An jeder Stelle, wo es um Ressourcen geht, kommt Rangordnung in der Herde zur Geltung: Wasser, Futter, Unterstand oder grundsätzlich Raum einzunehmen, stehen zuerst dem Ranghohen zu. Für Pferde ist es vollkommen natürlich zu weichen und sich unterzuordnen, sofern sie die besseren Führungsqualitäten eines anderen Pferdes anerkennen. Das stimmt so weit. Das natürliche Herdenverhalten der Pferde ist aber auch sehr komplex. Es wäre oberflächlich, einzelne Elemente des Pferdeverhaltens abzukupfern und zu meinen, damit automatisch pferdegerecht vorzugehen.

 

Was macht Führungsqualität aus Pferdeperspektive aus? Erfahrung, Souveränität, mentale Stärke, körperliche Unversehrtheit und der Wille sich durchzusetzen entscheiden über eine Führungsposition. Pferde unterhalten untereinander eine Art Ehrenkodex, nach dessen Verhaltensgrundregeln agiert wird.

 

Rangniedrige Pferde haben in der Herde immer die Option, sich der direkten Konfrontation durch ein ranghöheres Pferd durch Distanz zu entziehen. Ist der Druck eines anderen Pferdes zu hoch, weicht das rangniedrige Pferd aus. Es wird nicht nachgetreten oder verfolgt, ein Entziehen ist für das Pferd durch Flucht immer möglich.

 

Es gibt in gewachsenen Herdenstrukturen auch keine so klare Hierarchie, die niemals untergraben wird, wie uns diese simplen Methoden glauben machen wollen. Pferde setzen sich mal mehr und weniger stark durch, je nachdem wie wichtig ihnen das Ergebnis in diesem Moment ist. Pferde pflegen Freundschaften außerhalb einer klaren Hierarchie und lassen Ausnahmeregelungen untereinander durchaus zu.

 

Wenn Pferd A, B, C und D eine Rangfolge bilden und Pferd A und D gut befreundet sind, kann es durchaus vorkommen, dass es Pferd A vom Wasser wegdrängt, obwohl es gegenüber B und C niemals so rüpelig vorgehen dürfte. Es steht auch oft im Beisein von Pferd A unter dessen besonderen Schutz, selbst wenn es durchgereicht wird, sobald Pferd A nicht anwesend ist.

 

Ebenso wird eine rangniedrige Stute mit einem jungen Fohlen bei Fuß auch sehr vehement den Raum um ihr schlafendes Fohlen gegenüber anderen Pferden verteidigen. Die ranghöheren Herdemitglieder werden sie gewähren lassen, weil es ihr gutes Recht ist ihren Nachwuchs zu schützen.

 

Pferde, die andere ohne Unterlass schikanieren, sind nicht ranghoch, sondern gestörte Tyrannen. Solche Tyrannen werden von den anderen Pferden gemieden und nicht respektiert. Nicht jede Pferdeherde hat ein Pferd mit echten Führungsqualitäten an der Spitze.

 

 

 

Wie sieht Kommunikation beim Pferd aus?

 

Das Pferd sendet stets subtile Signale, die wahrzunehmen sich der Mensch abgewöhnt hat. Über Körperspannung, Augenausdruck, Nüstern kräuseln, leichtes Zucken in Ohren oder Schweif, hat das Pferd viele Möglichkeiten, sich verständlich zu machen, bevor es sich überhaupt in Bewegung setzt.

 

Der Dialog zwischen Pferden findet wesentlich feinsinniger statt, als der durchschnittliche Pferdehalter in der Lage ist wahrzunehmen. Drohgebärden in einer gesunden Herdenstruktur sind wesentlich subtiler, als viele Pferdehalter meinen. Wirklich souveräne Herdenchefs haben es nicht nötig, mehr als minimale Gesten zu zeigen und werden nur im Extremfall echte Attacken starten.

 

Kommt ein neues Pferd in eine bestehende Herde, so sind diejenigen Pferde, die eine große Show um ihre Drohgebärden machen, oft diejenigen, die am meisten zu verlieren haben. Es handelt sich -entgegen landläufiger Meinung- um rangniedrige, unsichere Exemplare.

 

 

 

Ein Mensch kann rein durch die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen schlecht eins zu eins dieselben Signale senden wie ein Pferd. Ein Pferd kann aber unterscheiden zwischen Mensch und Pferd. Auch wenn ihm das equine Verhaltensrepertoire erstmal näherlieg, ist ein Pferd durchaus in der Lage die menschliche Körpersprache zu lesen und darauf Reaktionen zu entwickeln. Wir brauchen also als Mensch nicht so tun, als ob wir Pferde wären.

 

 

 

Als soziales Herdentier macht es für das Pferd intuitiv Sinn, sich dem mental Überlegenen anzuschließen. Ein Pferd fühlt sich in dieser untergeordneten Position sicher und zufrieden. Ein Pferd hat daher das grundlegende Bedürfnis dem Menschen zu folgen, sofern es dessen Führungsqualitäten anerkennt. Das äußert sich darin, dass es seinem Menschen frei folgt und versuchen wird alles in seiner Gegenwart richtig zu machen. Pferde sind daher ebenso kooperativ, wenn man nicht ständig Dominanzübungen mit ihnen macht.

 

Souveränität strahlt ein Pferdebesitzer dann aus, wenn er sich selbst sicher ist, dass er das Geforderte umsetzen kann. Daher gibt es genug Pferdemenschen, die nie von den 7 Spielen gehört haben und sich aus ihrer intuitiven Selbstsicherheit heraus dennoch für das Pferd als Führungsperson anbieten. Das ständige Demonstrieren von Dominanz und Unterdrückung kratzt an der Würde des Pferdes und hat keinen Platz in einer gesunden Beziehung.

 

 

 

Kommunikation statt Dominanz

 

Dies ist gewissermaßen ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit im Umgang mit dem Pferd statt steten Gehorsam zu fordern. Wichtig ist nicht so sehr, dass man viel Zeit mit Training verbringt oder was man genau macht. Viel wichtiger ist, dass eine echte Beziehung daraus entsteht und der Charakter des Pferdes erkannt wird. Es gibt viele Menschen, die ihr ganzes Leben mit Pferden verbringen und trotzdem keinen Zugang zu ihnen finden. Dies zumeist nicht aus Böswilligkeit, sondern schlicht Ignoranz. Keine Anleitung wird das Gefühl für ein Pferd ersetzen können.

 

Als augenscheinlich intelligentes Wesen ist es uns als Mensch durchaus möglich, das Pferd entscheiden zu lassen, ob es in einen Dialog mit uns treten möchte. Dazu gehört auch ein „nein“ zu akzeptieren, beziehungsweise darüber nachdenken, warum es zu einer Verweigerungshaltung kommt.

 

Ein Pferd ist nicht schwierig, weil Menschen Probleme mit seinem Verhalten haben. Hier wird in meinen Augen viel zu oft das Pferd aus Unwissenheit oder Achtlosigkeit zum Problempferd erklärt, statt sich mit den Ursachen zu beschäftigen. Ein Pferd reagiert auf und spiegelt das Verhalten des Menschen, der mit ihm arbeitet. Der Pferdebesitzer ist somit im Regelfall Teil des Problems und muss zur Lösung beitragen.

 

 

 

Verfasst im Juni 2016

 

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