Bitte kein Imprinting für Fohlen!

 

 

 

Nachfolgendes Video von Pat Parelli hat mich sehr gestört, insbesondere, wenn man ausnahmslos positive Reaktionen dazu hört:

 

 

 

Video

 

 

 

Für den Laien mag es niedlich anmuten, wenn ein Fohlen sich in so jungem Alter so intensiv an den Menschen bindet und ihm wie an der Schnur gezogen folgt. Leider sind die ersten Schritte des Imprinting nicht dokumentiert. Was passiert da aber eigentlich?

 

 

 

Das Verhalten ist gegenüber der Mutterstute offenkundig respektlos, weil ihre Rolle als Mutter vom Menschen massiv untergraben wird. Die im Video gezeigte Stute reagiert darauf immerhin zeitweise mit leichten Stresssignalen, dürfte aber in dieser Situation wesentlich deutlicher in ihrer Abwehrhaltung sein. Ich halte dies für ein typisches Symptom von Horsemanship-trainierten Pferden. (Siehe Artikel: Kommunikation statt Dominanz – Natural Horsemanship und Co. in der Kritik)

 

Dass es auch anders geht, möchte ich in einem nachfolgenden Leitfaden für den ersten Zugang zum Fohlen aufzeigen. Fohlen sind von Natur aus neugierig und grundsätzlich in jedem Alter dazu zu bewegen, sich dem Menschen gegenüber anzunähern. In meiner Erfahrung lässt sich auch später noch eine innige Beziehung zu einem Fohlen herstellen, das auf Freiwilligkeit aufbaut und echtem Vertrauen.

 

 

 

Was passiert beim Imprinting?

 

Das Fohlen wird direkt nach der Geburt auf dem Boden festgehalten, um ihm ein Aufstehen zu verwehren. Für das Fluchttier Pferd eine lebensbedrohliche Einschränkung. Dann wird das Fohlen so lange am gesamten Körper und in allen Körperöffnungen berührt, mit lauten Geräuschen und Geraschel konfrontiert, um es abzuhärten und bis es jegliche Gegenwehr einstellt. Dieses Prozedere soll bis zu einer Stunde in Anspruch nehmen und jede Gegenwehr des Fohlens verlängert die Übungen. Angeblich wäre es fatal und für das Gelingen der Übung verheerend, auch nur einen Hauch von Gegenwehr des Fohlens unkommentiert zu lassen.

 

Aber was wird da von einem Fohlen verlangt? Hier wird eine absolut unangemessene Manipulation an einem Neugeborenen vorgenommen. Die Abwehrreaktion und das natürliche Bedürfnis aufzustehen und die so wichtige Muttermilch aufzunehmen zu unterbinden, zwingt das Fohlen zu nicht weniger als zur Selbstaufgabe.

 

Imprinting-Methoden sind purer Stress für Fohlen und Stute und als einziger Ausweg steht die Selbstaufopferung. Sich regungslos einem Beutegreifer hinzugeben, statt als Fluchttier mit Abwehrverhalten zu reagieren, ist für ein Fohlen eine extrem unangenehme Erfahrung. Es geht um nicht weniger als Kadavergehorsam durch Zwang.

 

 

 

Häufige Praxis-Probleme bei angewandten Imprinting

 

Wissenschaftliche Studien haben belegt, dass die Methoden von Dr. Miller, Parelli und Co. keinen messbaren Mehrwert haben und im Gegenteil einiges an Risiken mit sich bringen. Nachfolgend sollen die wichtigsten Kritikpunkte näher erläutert werden.

 

 

 

Das Prozedere ist extrem stressig für die Stute und ihr Fohlen. Bezeichnenderweise soll laut allen Anhängern der Methode die Stute während des Imprinting unbedingt von einer Hilfsperson festgehalten werden, damit sie nicht eingreifen kann. Die unmittelbare Gefahr, die eine Stute für den Menschen darstellt, der sich zwischen sie und ihr Fohlen stellt, wird also anerkannt.

 

Damit ist diese Methode von vorneherein nicht zur Nachahmung durch Laien geeignet. Was tun, wenn die Stute nicht ruhig bleibt? Oder wenn das Fohlen sich massiv wehrt, panisch reagiert oder sich schlagkräftig verteidigt? So ein neugeborenes Warmblut-Fohlen bringt seine 50 bis 70 Kg Lebendmasse mit.

 

 

 

In der Praxis hat diese Methode zur Folge, dass über einen erheblichen Zeitraum die Aufnahme von Muttermilch (Kolostrum) verhindert wird. Das ist das Gegenteil, von dem was jeder Züchter tun sollte! Ein Fohlen muss so schnell wie möglich den Weg zum Euter finden und ausreichend Muttermilch trinken können, weil es sonst sehr schnell an Kraft verliert und zum Sorgenkind wird.

 

Ein neugeborenes Fohlen verfügt über kein körpereignes Abwehrsystem gegen Infektionen. Nur in den ersten 12 Stunden seines Lebens, kann es über die Darmwand die Antikörper der Mutterstute aufnehmen und eine intakte Immunreaktion aufbauen. Dafür muss es ausreichend große Mengen an Muttermilch aufnehmen, was eine nicht zu unterschätzende Anstrengung für das Fohlen bedeutet und einen starken Willen zum Selbsterhalt voraussetzt. Wenn das Fohlen sich gleich nach der Geburt in einem Kampf mit dem Menschen verausgabt, ist es schlicht fahrlässig das Fohlen mit der Aufnahme der Muttermilch alleine zu lassen. Hält der Mensch das Fohlen aktiv davon ab zu saufen, so wird in der Praxis schnell der Punkt verpasst, wo das Fohlen physisch zu schwach ist, um sich selbst am Euter zu versorgen. Ein unnötig lebensschwaches Fohlen endet dann regelmäßig in der Tierklinik.

 

 

 

Ein weiteres oft anzutreffendes Problem von Fohlen, die Imprinting-Methoden ausgesetzt waren, ist, dass große Nähe zum Menschen fast immer zu einer unangemessenen Distanzlosigkeit und später auch zu Aggression gegenüber dem Menschen führt. Ein Problem mit weitreichenden Folgen für das spätere Verhältnis zum Menschen und Grund für den Zulauf vieler Gurus.

 

Es ist hinreichend dokumentiert, dass Fohlen, die mit der Flasche aufgezogen wurden, oft später zu aggressivem Verhalten gegenüber dem Menschen neigen. Das Phänomen, das zu viel Nähe zu Aggression führt, dürfte also nicht überraschen. Wie kommt es dazu? Ein Pferd ist ein Pferd und sollte auch so behandelt werden. Menschen (und hier vor allem Frauen) neigen dazu, dem niedlichen Fohlen keine Grenzen setzen zu wollen. Das aufdringliche Fohlen, das rührig nach Nähe und Streicheleinheiten fordert, wird nie zurückgewiesen, weil es damit Nähe und Zutrauen ausdrückt. Aber auch das niedlichste Fohlen wird schnell an Masse zunehmen und stellt mit demselben Verhalten ein schwerwiegendes Problem und eine Gefahr für den Menschen dar.

 

Jedes Fohlen muss lernen, dass Menschen deutlich empfindlicher sind als andere Pferde und für Rempeleien und spielerisches Schnappen nicht zu haben sind. Das Fohlen muss lernen, dass es den Raum um den Menschen zu respektieren hat, weil Aufdringlichkeit später beim großen Pferd sehr schnell unangenehm werden kann.

 

 

 

Noch schlimmer ist jedoch, dass Fohlen, die mit Imprinting behandelt wurden mit einem abgewandelten Spiel- und Sozialverhalten gegenüber Artgenossen auffallen. In der Praxis zeigt sich ein Sozialmangel des Fohlens und vermehrte Aggressivität gegenüber Artgenossen.

 

Auch die Prägung zur Mutterstute leidet nachweislich. Das Risiko eine gestörte Beziehung zwischen Stute und Fohlen zu erhalten, ist deutlich erhöht.

 

Befürworter der Imprinting-Methode wie Pat Parelli behaupten, dass ein Fohlen keine Schwierigkeiten habe, sich neben der Prägung auf die Mutterstute in eine intensive Beziehung zum Menschen zu begeben. Grund hierfür sei, dass sich ein Fohlen schließlich auch mit anderen Herdenmitgliedern auseinandersetzen muss. Bei genauer Beobachtung von gesunden Herdenstrukturen ist aber genau das Gegenteil der Fall. Kein neugeborenes Fohlen kommt in einer intakten Herde mit den anderen Herdenmitgliedern sofort nach der Geburt in Kontakt. Eine Beschreibung warum dies so ist, folgt.

 

 

 

Verhalten der Mutterstute naturgemäß

 

Eine Mutterstute wird ihr Fohlen in den ersten Lebensstunden und -Tagen gegenüber Fremdeinwirkung stärker verteidigen. Je nach Erfahrung und Charakter der Mutter kann diese stark bewachte Phase von 1-2 Tagen bis zu 1-2 Wochen betragen. In dieser Zeit wird die Mutterstute die Kontaktaufnahme von anderen Pferden zu ihrem Fohlen rigoros unterbinden wollen. Selbst gegenüber ranghöheren Stuten wird sich die Mutterstute mit dieser Forderung durchsetzen und im Normalfall auch mit diesem Anliegen von der Herde respektiert werden. Zu Recht, denn die Bindung an das Fohlen herzustellen ist das ureigene Recht der Mutterstute! Das wird sie gegenüber anderen Stuten ebenfalls vehement verteidigen.

 

 

 

Die starke Bindung des Fohlens an seine Mutter in den ersten Tagen macht Sinn, weil es zu diesem Zeitpunkt für Angreifer noch leichte Beute ist. Das Fohlen muss sofort nach der Geburt lernen, dass es nur in unmittelbarer Nähe zur Mutterstute in Sicherheit ist. Es läuft instinktiv „bei Fuß“ an der Schulter der Mutter und wird bei abweichendem Verhalten passiv gerufen und sogar aktiv gemaßregelt.

 

In der Position neben seiner Mutter erfährt das Fohlen Geborgenheit und folgt instinktiv, weil das für ein Fluchttier sinnvoll ist, Bewegungen, die von sich weg führen. Deswegen ist es, wie im Video demonstriert, auch so einfach sehr junge Fohlen dem Menschen folgen zu lassen. Das darf aber nicht mit einer intensiven Beziehung verwechselt werden, das ist eine rein instinktgesteuerte Handlung! Wenn junge Fohlen bei Gefahr aufschrecken und mit der Herde fliehen, kommt es durchaus vor, dass sie der falschen Stute folgen. Sie kleben dabei hartnäckig an der fremden Stute, bis die eigene Mutter das Fohlen zurückfordert, wenn der erste Schreck überwunden ist. Ein Mechanismus, der Sinn macht, denn wenn wirklich ein Angriff auf die Herde erfolgt, ist es erst einmal wichtig, dass das Fohlen der Herde sofort folgt und kann später noch zu seiner Mutter zurückfinden. Erst einmal muss es mitlaufen und nicht nach seiner eigenen Mutter Ausschau halten, denn das wäre der sichere Tod.

 

Ein weiteres Beispiel soll veranschaulichen, wie eine Herde auf die Einhaltung von bestimmten Regeln pocht. Es kann passieren, dass fremde Stuten Muttergefühle entwickeln und meinen, sich das Neugeborene einer unerfahrenen Mutterstute unter den Nagel reißen zu können. In einer optimal funktionierenden Herdenstruktur, wird eine gute Leitstute eingreifen und diesen Versuch anderer Stuten rigoros unterbinden. Hier offenbart sich echte soziale Kompetenz und ein klares Verständnis dafür, wie Dinge sein sollen.

 

Noch eine bezeichnende Beobachtung aus der Praxis: Man kann untereinander fremde Stuten mit sehr jungen Fohlen bei Fuß meist ganz einfach vergesellschaften. Der Grund hierfür ist, dass sie mit jungen Fohlen bei Fuß instinktiv auf Abstand gehen und eine Auseinandersetzung mit anderen Pferden komplett meiden. Erst wenn die Fohlen älter sind und sicher bei Fuß folgen, wächst die Gruppe zusammen. Ein Mechanismus, den schon viele Züchter in der Praxis genutzt haben, um Mutterstuten ohne Angst um Verletzungen oder Konfrontationen zu vergesellschaften.

 

Diese Beispiele sollen zeigen, wie sozial Pferde sind und wie gut das System der Natur ineinandergreift, um das Fohlen in der Herde zu schützen. Der Mensch sollte in dieses empfindliche Gleichgewicht zu diesem kritischen Zeitpunkt nicht eingreifen!

 

 

 

Eine gesunde Beziehung zur Mutterstute

 

Nun könnte man als Horsemanship-Freund unterstellen, dass nicht das devote Verhalten der eigenen Mutterstute auf den Prüfstand gehört, sondern solche Stuten, die ein Eingreifen des Menschen ablehnen. Ist nicht vielmehr ein schlechtes Verhältnis des Menschen zur Mutterstute anzukreiden? Wenn die Mutterstute den Menschen nicht an ihrem Fohlen duldet, solle man an der Beziehung zur Mutterstute arbeiten, statt das Fohlen aufzugeben. Das stimmt insofern, als dass die Mutterstute ihre Haltung gegenüber dem Menschen sehr deutlich ihrem Fohlen beibringt. Lehnt sie den Kontakt ab oder verhält sich reserviert gegenüber dem Menschen, so wird sie ihrem Fohlen diese Grundeinstellung mit auf den Weg geben. Ein Züchter tut gut daran ein gutes Verhältnis zur Mutterstute aufzubauen, bevor ein Fohlen da ist. Dies notfalls mit klaren Abläufen und effektiven Lockmitteln wie einer Möhre.

 

Aber es geht in meinen Augen um mehr. Meine Stuten akzeptieren ganz selbstverständlich meine Anwesenheit bei der Geburt und lassen mich alle ohne Probleme an ihre neugeborenen Fohlen. Sie lernen, dass ich sie bei der Geburt unterstütze und wissen, dass ich mich ebenso schützend vor das Fohlen stelle und mich kümmere, wie sie es tun. Daher akzeptieren sie meine Anwesenheit und dulden auch medizinische „Übergriffe“ auf das Fohlen, auch wenn dieses gestresst reagiert.

 

Gleichwohl bestehe ich -aus Respekt gegenüber der Mutterstute- darauf, dass sobald die Erstversorgung abgeschlossen ist (also das Fohlen sicher steht, säuft und Darmpech abgesetzt hat) und damit meine Anwesenheit nicht zwingend notwendig ist, der Stute zumindest ein paar Stunden allein mit ihrem Nachwuchs zu. Diese Zeit soll sie haben, um eine Bindung zu ihrem Fohlen aufzubauen und verfolge diese herzigen Momente gern über eine Kamera weiter. Gerade für Erstlingsmütter, die oft ein wenig überfordert in der neuen Rolle sind, sollte dieses erste Kennenlernen so stressfrei wie möglich geschehen. Stressfaktoren wie andere Pferde und Menschen würden die Stute dabei erheblich stören.

 

Man muss verstehen, dass Stuten in der freien Wildbahn zum Abfohlen im Regelfall den Schutz der Herde verlassen. Es ist daher ein Zeichen ihres Vertrauens, wenn sie uns am Geburtsgeschehen teilhaben lassen. Die fohlende Stute wird von der Herde auch mit dem frisch geborenen Fohlen bei Fuß nicht bedrängt. Dies obwohl alle Herdenmitglieder im Normalfall darauf brennen, das frisch geborene Fohlen kennenzulernen. Ich habe Geburten erlebt, bei denen andere Pferde im Halbkreis um die fohlende Stute standen und in respektvoller Distanz blieben, bis das Fohlen das erste Mal stand. Dann wird allenfalls die Nachgeburt akribisch untersucht, von dem Neugeborenen halten sich die anderen Stuten fern, bis die Mutterstute den Kontakt ausdrücklich zulässt. Und das kann dauern!

 

In den ersten Lebensstunden gibt es für eine Mutterstute nur sie und ihr Fohlen. Mit einem Neugeborenen ist ihr vollkommen egal, ob sie allein im Stall ist und alle anderen Pferde weg sind, selbst wenn sie zuvor wiehernd an der Herde geklebt hat. Auch hormonell passiert einiges, eine Art beruhigendes Glückshormon (Oxytocin) wird ausgeschüttet, wenn das Fohlen säuft und trägt darüber hinaus zu einer guten Rückbildung der Geburtswege bei. Stress in dieser Phase sorgt regelmäßig für Nachgeburtsverhalten und kann für die Stute gefährlich enden, wenn keine Behandlung erfolgt.

 

 

 

Andere Länder andere Sitten

 

Ich kann mir nur vorstellen, dass in einem Land, wo auf erheblichen Flächen gezüchtet wird es schwierig ist, bei jeder Geburt der Fohlen anwesend zu sein. Daher wäre es kaum durchführbar, zu jedem einzelnen neugeborenen Fohlen auf normalem Wege eine Beziehung aufzubauen. Dafür ist die Imprinting-Mehode eine aus Cowboy-Perspektive sanfte Art dafür zu sorgen, dass ein Fohlen nicht sofort die Flucht ergreift, wenn man es versorgen möchte. Praktisch für den Menschen mag das Vorgehen sein, aber ganz sicher nicht naturgemäß und auch kein Vorbild!

 

In Deutschland, wo Stuten für gewöhnlich zumindest in den ersten Wochen mit Fohlen bei Fuß unter menschlichem Zugriff stehen, gibt es genug Gelegenheit junge Fohlen menschlichen Kontakt erfahren zu lassen. Dafür muss man sich nicht direkt nach der Geburt auf es stürzen, es bleibt für den Kontakt später noch genug Zeit.

 

 

 

Es ist nie zu spät für ein positives Erlebnis!

 

Mancher Pferdebesitzer scheint der Sorge zu unterliegen, ein kritisches Zeitfenster zu verpassen, wenn man sich nicht sehr früh mit dem Fohlen beschäftigt. Dafür besteht kein Grund, denn ein Pferd kann auch später noch eine intensive Beziehung zum Menschen aufbauen, auch wenn man ihm nicht direkt nach der Geburt entgegen tritt. Anders als Gänse mit einer klaren Prägephase sind junge Pferde immer in der Lage eine gesunde Beziehung zu einem Menschen aufzubauen. Es ist ein Trugschluss, davon auszugehen, es gäbe nur ein kleines Zeitfenster hierfür, das genutzt werden müsse. Pferde sind und bleiben offen für menschliche Kontaktaufnahme.

 

Ich hatte mal in Spanien Berührung zu einer Pferdeherde, die auf einem umzäunten Areal von 1.000 Hektar ohne menschlichen Kontakt wild lebte. Die Mutterstuten waren ehemalige Arbeitspferde an Rinderherden, die jedoch seit einiger Zeit verwildert waren. Die Fohlen hatten in ihrem Leben noch keine Menschen gesehen. Ein Fohlen war ca. 3-4 Monate alt, als seine Mutter sich durch einen Tritt in eine Drahtschlaufe schwer verletzt hat und zur medizinischen Versorgung auf die Hacienda sollte. Weil sie sich nicht fangen ließ, wurde sie von den Arbeitsreitern zu Pferd mitsamt Fohlen und einer weiteren Stute in ein 1 Hektar großes Areal getrieben. Innerhalb weniger Tage war es durch anfüttern der Stute möglich, Kontakt zu dem Fohlen aufzunehmen. Dies einige Tage bevor die Stute es zugelassen hat, selber berührt zu werden. Durch Geduld und immer dichteres Beisitzen bei der Fütterung kam das Fohlen aus reiner Neugier bald von allein auf mich zu. Es wurde nach der Aufstallung am Hof innerhalb kürzester Zeit halfterführig und genauso einfach händelbar, wie jedes andere Fohlen, das in Menschenhand aufwuchs, auch.

 

Meine Überzeugung lautet daher: Weniger ist manchmal mehr. Ein Fohlen oder Jungpferd, das keine Erfahrungswerte mit Menschen hat, verhält sich in der Regel wesentlich aufgeschlossener, als ein Pferd mit negativen Erfahrungen. Seine Neugier ist eine wesentlich bessere Arbeitsgrundlage, als ein distanzloses Tier, das nie Respekt gegenüber dem Menschen gelernt hat.

 

 

 

Fazit

 

Der Mensch hat oft romantische Vorstellungen von der Natur und möchte ihr immer näher sein, obwohl er immer weniger davon versteht. Der Mensch möchte dem Fohlen aus dieser Motivation heraus nahe sein, aber verschwendet keinen Gedanken daran, was er damit eigentlich auslöst.

 

Ein gestörtes Verhältnis zu anderen Pferden, ist in meinen Augen für das Herdentier Pferd der ultimative Verlust. Der Mensch geht nach 2 Stunden im Stall heim, das Pferd bleibt (im Idealfall) für den Rest des Tages unter Seinesgleichen. Wenn man sich vor Augen hält, wieviel potentieller Frust und Verlust an Lebensqualität einem Pferd dadurch entsteht, wenn es nicht mehr Pferd sein darf, ist solch ein Vorgehen an Egoismus nicht zu überbieten und nicht zu rechtfertigen.

 

Einem Pferd seine Gegenwehr gegenüber dem Menschen komplett aberziehen zu wollen, ist für mich kein angemessenes Ziel. Ein Pferd ist ein Pferd und kein devotes Spielzeug für Menschen, sondern ein Lebewesen mit eigenständigem Denken und Handeln. Es steht ihm zu, seinen Unmut über Kontakt zum Menschen zu Ausdruck zu bringen, sofern es keinerlei Gelegenheit hatte, eine andere Auffassung zu erlangen. Mir persönlich ist es jedenfalls deutlich lieber, mein Fohlen lernt spielerisch den Umgang mit dem Menschen aus eigenem Antrieb, als dass ich es in einem Moment der Schwäche gefügig mache. Auch wenn seine handfeste Weigerung unter Umständen Überzeugungskünste und Zeit in Anspruch nehmen.




Verfasst im Juni 2016

 

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