Der Vorwurf des „gemachten“ Sportlers

 

 

 

Es wird immer wieder gegenüber Sportpferden und insbesondere Hengsten der Vorwurf erhoben, dass sie von ihren Reitern gemacht sind, also ihre Leistungen ohne die Förderung durch eben diesen Weltklassereiter nicht möglich gewesen wären. Aber ist das nicht ein komplett falscher Vorwurf? Jedes Top-Sportpferd ist „gemacht“, weil es immer ein Produkt seines Reiters und seiner Umwelt ist. Ohne Förderung kann sich kein Top-Pferd beweisen. Jedes besser veranlagte Pferd, das unter einem Freizeitreiter im Gelände bummelt, ist lebendes Zeugnis davon.

 

Hengste scheinen sich diesem Vorwurf stellen zu müssen, weil sich für den Züchter immer zeitgleich die Frage stellt, wie viel von der Leistung genetisch bedingt (und somit erblich) und wie viel davon dem Umfeld geschuldet ist (also „gemacht“). Der Vorwurf des „gemachten Pferdes“ beinhaltet in meinen Augen immer irgendwo die Unterstellung von mangelnder Qualität des Pferdes. Aber gibt es das wirklich „gemachte Pferd“ überhaupt? Denn ganz ohne Talent geht es nicht, egal wieviel investiert wird. Auch wenn bei dem ein oder anderen mehr nachgeholfen werden muss, als bei einem Naturtalent.

 

 

 

Ohne Qualität beim Pferd geht es nicht!

 

Eins bleibt festzuhalten: Ohne Talent kein Topsport. Eine herausragende Leistung kann von einem Pferd nur dann erbracht werden, wenn die Veranlagung dazu auch da ist. Sonst könnte sich jeder Pferdebesitzer mit dem richtigen Reiter selber einen Totilas basteln. So charmant der Gedanke ist, so unwahrscheinlich ist der Erfolg. Denn wenn das möglich wäre, gäbe es nicht so viele One-Hit-Wonders unter den Reitern. Man denke an Hinrich Romeike mit Doppelgold in Hongkong mit seinem Marius (was ich nicht sage, um die Leistung dieses Amateurs zu schmälern!).

 

Für jede Disziplin muss ein Pferd bestimmte Grundvoraussetzungen an Qualität mitbringen. Natürlich wird jeder Reiter -egal welcher Disziplin- ebenfalls bezeugen, dass es Individuen gibt, deren Einstellung besser ist, als das letzte Vermögen. Das sind durchaus Pferde, die mit ihrem Reiter über sich hinauswachsen. Dennoch: Kein Reiter trägt sein Pferd über den Parcours (oder durch das Viereck), nicht einmal im übertragenen Sinne.

 

 

 

Ohne Top-Beritt geht es auch nicht!

 

Andersherum kann ein noch so talentiertes Jungpferd nicht im Sport überzeugen, solange sich nicht ein Reiter findet, der dieses Talent zutage bringt. Pferd und Reiter gehören eben immer gemeinsam betrachtet. Damit ist jedes Sportpferd von seinem Reiter gemacht, im Sinne von entsprechend gefördert worden.

 

Jedes Pferd verdient einen bestmöglichen Beritt. Universalgültig ist, dass nicht jede Pferd-Reiter Kombination gleichgut funktioniert. Das ist nicht erst seit Totilas bekannt. Es wäre aber auch utopisch das zu verlangen. Jedes Pferd verdient einen möglichst guten und vor allem passenden Beritt und kann auch nicht beliebig weitergereicht werden.

 

 

 

Reiterwechsel als Positiv-Merkmal?

 

Ein funktionierender Reiterwechsel ist als Maßstab für Qualität schwierig. Aber wie sieht es aus mit Pferden, die unter vielen Reitern Leistung bringen? Auch solch ein Pferd, muss nicht unbedingt leicht zu bedienen sein. Es kann gerade wegen seiner schwierigen Bedienbarkeit durchgereicht werden und dennoch mit allen Probanden S-Erfolge vorweisen, einfach deswegen, weil man es bessere Reiter probiert haben.

 

 

Man denke nur mal an:

 

For Pleasure, der mit Hans-Joachim Giebel in den Sport kam, bis S gefördert wurde und dann mit Lars Nieberg (Platz 20 Einzel, Teamgold Atlanta 1996) und Marcus Ehning (Platz 4 Einzel, Teamgold Sydney 2000) Olympia-Erfolge brachte.

 

oder

 

Catoki, der gleich mit 4 Reitern S-Erfolge gebracht hat (Gerd Sosath, Jörg Naeve, Philipp Weishaupt, Emil Hallundbaek).

 

und dennoch galten beide Hengste -zumindest in jungen Jahren- als durchaus anspruchsvoll in Sachen Rittigkeit und es musste ein wenig durchprobiert werden, bevor sich der passende Beritt fand.

 

 

 

Praxisbeispiele finden sich in allen Disziplinen:

 

Vielseitigkeit: Man denke an einen Grafenstolz, der nach einer Dreifach-Qualifizierung für das Bundeschampionat unter Michael Jung nicht an seine alten Erfolge anknüpfen konnte. Oder eine Rocana, die in jungen Jahren zum Verkauf stand und bei keinem Kader-Reiter Begehrlichkeiten wecken konnte, weil man der Annahme war, bei 1-Sterne Niveau wäre Schluss. Sie hat dann trotzdem auf 4-Sterne Niveau gesiegt.

 

 

 

Dressur: Totilas ist wohl das bekannteste Beispiel von einem Reiterwechsel, der nicht den gewünschten Erfolg brachte (wenngleich ich selbst vor dem Versuch den Hut ziehe!). Aber auch ein Carabas, der seinen Weg von Oliver Luze über Andreas Helgstrand und zurück zu seinem ersten Bereiter angetreten hat, weil keine Harmonie zu erreichen war.

 

 

 

Springen: Eine Bella Donna unter Meredith Michaels-Beerbaum, die mit Hamad Ali Mohamed Al Attiyah von der Bildfläche verschwand. Oder eine Classic Touch, die unter Ludger Beerbaum auf der Spitze ihrer Karriere angelangt war, verlor unter neuem Beritt bei Piet Raijmakers schnell an Bedeutung.

 

 

 

Sind diese Pferde nun automatisch schlechtere Sportler, nur, weil sie nicht von jedem Reiter bedienbar sind? Ich denke nein, denn jedem Leistungssportler sollte auch Individualität zugesprochen werden und manche Paare harmonieren eben besser als andere. Hierdurch werden zwar oft genug die Diskussion über die Rittigkeit und Bedienbarkeit aufgeworfen, denn ein Pferd, das sich unter einem Reiter äußerst kooperativ gibt und beim nächsten die Arbeit gleich ganz niederlegt, ist eben schwierig einzustufen. Aber gerade die richtig guten Pferde sind eben selten einfach zu bedienen.

 

 

 

Professionelle Fehleinschätzungen

 

Manchmal vertun sich auch die Profis in der Qualität ihrer Pferde. Dass längerer Profi-Beritt trotz anfänglichen Zweifeln dann doch noch hervorragende Sportler hervorbringen kann, bezeugen etliche ehrliche Statements unserer Top-Reiter über die Anfänge mit ihren Berittpferden.

 

Man denke etwa an den Kommentar von Eva Bitter über Perigueux, in den sie noch zu Beginn des Beritts wenig Hoffnung hatte. Der hatte vielleicht nicht die allerletzte Qualität, aber er hat ganz sicher eine phänomenale Einstellung. Und so konnte Eva Bitter dann gemeinsam mit dem Hengst große Erfolge und vor allem konstante Leistung zeigen. Stationen des Erfolges sind Siege in den Großen Preisen von Villach/ AUT S** (Juli 2014), Donaueschingen S** (September 2014), Verden S** (August 2015), Groß Wiegeln S*** und Lanaken/ BEL S*** (April 2016). Lebensgewinnsumme bisher über 245.000€ - nicht schlecht für ein Pferd ohne die letzte Qualität!

 

 

 

Der Sporterfolg eines Pferdes hängt auch immer davon ab, wieviel Zeit, Geld und Muße der Besitzer hat und in eine entsprechende Sportkarriere zu investieren bereit ist. Man muss natürlich daran glauben, aber ohne das nötige Kleingeld und den richtigen Reiter wird es nichts werden.

 

Danthes H ist ein gutes Beispiel dafür. Er ist ein Halbbluthengst von Dream Dancer xx, der als Jungpferd von diversen Kritikern als Pferd für maximal M-Springen eingestuft wurde. Sein Züchter und Besitzer glaubte an ihn. Unter dem Beritt von Mynou Diederichsmeier konnte der Hengst 10 Siege und 58 Platzierungen allein in S-Springen (bis S***) erringen und hat eine Lebensgewinnsumme von aktuell 32.600€. Mit einer Amateurin setzt er seine Erfolgsserie im M-Parcours weiter fort.

 

 


 

 Verfasst im Juli 2016

 

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