Führtraining für Fohlen

 

Für den gesitteten Umgang mit dem Menschen muss das Fohlen ein paar Verhaltensregeln lernen. Um Neulingen in der Zucht den Einstieg zu erleichtern, gebe ich hier ein paar Tipps und Tricks mit auf den Weg, damit bei den ersten Führversuchen alles glatt läuft.
Der Zeitpunkt sollte meiner Meinung nach so früh wie möglich gewählt werden, sobald das Fohlen sicher auf den Beinen ist. Im Regelfall sollte also im Alter von wenigen Tagen mit dem Führtraining begonnen werden. So ist das Fohlen schnell mit dem menschlichen Umgang vertraut. Außerdem kann man ganz pragmatisch sagen: Je weniger Kampfgewicht das Fohlen mit in den Ring bringt, desto leichter tut man sich als Mensch.

Wer ein Fohlen erst im mit oder gar später mit solchen Maßnahmen konfrontiert, wird oft auf massiven Widerstand stoßen. Es fehlt meist schlicht das Vertrauen in einschränkende Maßnahmen durch den Menschen. Hier sollten besser erfahrene Pferdemenschen zur Hilfestellung hinzugezogen werden. Ein unkultiviertes Fohlen verhält sich mitunter gänzlich anders als man es von einem braven Reitpferd gewohnt ist.

 

Die Rolle der Mutterstute

Die Mutterstute ist im Idealfall ein gutes Vorbild, weil sie sich vertrauensvoll und ruhig vom Menschen händeln lässt und dem Fohlen damit das gewünschte Verhalten vorlebt. Sie zeigt dem Fohlen, dass geführt zu werden keine bedrohliche Situation ist.

Sollte die Mutter jedoch selbst nicht ganz zuverlässig sein, sollte man eine Situation schaffen, in der sie unbedingt ruhig bleibt (Stressvermeidung durch Sichtkontakt zu Artgenossen etc.). Gerade eine Maidenstute kann in den ersten Lebenstagen ihres ersten Fohlens ungewohnt übervorsichtig reagieren und Kontakte des Fohlens mit Menschen und anderen Pferden meiden wollen. Zeigt sie ein solches Meideverhalten in extremer Form, sollte darauf Rücksicht genommen werden und das geplante Führtraining um ein paar Tage verschoben werden. Denn meist legt sich dieses übervorsichtige Verhalten nach 1-2 Wochen von ganz allein. Der Stress wäre sonst für die Mutterstute sehr groß und das Risiko von negativen Erfahrungen oder gar Verletzungen durch eine panisch agierende Mutterstute unnötig hoch.

 

 

Für das erste Führtraining gelten ein paar Sicherheitsregeln:

  • Mindestens 2 Personen; eine Person führt die Stute, eine Person führt das Fohlen und gegebenenfalls eine Person die nachtreibt, wenn das Fohlen in der Bewegung stockt.
  • Für die ersten Führübungen gilt: Immer hinter der Mutter oder auf Schulterhöhe neben ihr her, aber nicht von der Stute weg. Erst wenn das Fohlen brav halfterführig und mit zunehmendem Alter selbstbewusster ist, kann dies verlangt werden.
  • Wenn das junge Fohlen desorientiert ist oder das ältere Fohlen sich bockig gibt, sollte die Mutterstute kurz angehalten werden und in Ruhe dafür gesorgt werden, dass das Fohlen den Anschluss nicht verliert. Zu große Distanzen zur Mutterstute provozieren Panikreaktionen und damit Widersetzlichkeit.
  • Am besten wählt man Wege, die für das Fohlen ohnehin die logische Wahl darstellen: Geradeaus auf rutschfestem Untergrund, ohne entgegenkommende Hindernisse. Sandwege sind gegenüber Asphalt zu bevorzugen aufgrund der Verletzungsgefahr bei einem Sturz des Fohlens.
  • Für das Fluchttier Pferd gilt: Druck am Halfter erzeugt Gegendruck, also Wehrhaftigkeit. Das Fohlen muss erst langsam lernen dem Druck des Menschen nachzugeben statt gegenzuhalten. Daher bei ersten Führübungen nie stumpf gegenhalten, wenn das Fohlen sich in den Strick hängt, sondern gefühlvoll nachgeben und mitgehen. Das Genick eines jungen Fohlens ist nicht beliebig belastbar!
  • Man sollte aufhören wenn es am schönsten ist. Wenn das Fohlen sich wehrt, darf es nicht das Gefühl bekommen damit seine Freilassung erreicht zu haben. Nur in einer Phase der Kooperation soll es entlassen werden und gemeinsam mit der Mutter auf die Weide oder in die Box verabschiedet werden.

 Verschiedene Führvarianten

 

 

Wie geht man mit Gegenwehr um?

Das Fohlen muss in dieser fremden Situation erst einmal lernen, was überhaupt von ihm verlangt wird. Das tut es am leichtesten durch positive Bestärkung. Der Mensch fordert also eine Situation, in der das Fohlen im besten Fall automatisch das Richtige tut und der Mensch das gezeigte Verhalten lobt. Es gilt immer einen Schritt voraus zu sein. Dafür hilft es seine Handlungen vorab zu Überdenken und das Vorhaben mit den Hilfspersonen abzusprechen, um Unsicherheit im Ablauf zu vermeiden.

Mit ein bisschen Gegenwehr bei den ersten Führversuchen des Fohlens ist zu rechnen, das ist ein vollkommen natürliches Verhalten. Wenn das Fohlen sich zu wehren beginnt, ist es nicht aufnahmebereit. Der Lerneffekt ist dann also gleich null. Ein trotz Korrektur freundlicher Umgangston sorgt für eine schnelle Beruhigung des Fohlens. Erst wenn die Aufmerksamkeit des Fohlens wiederhergestellt ist, können weitere Schritte verlangt werden.

Versucht sich das Fohlen mittels Steigen zu befreien, steht erst einmal Sicherheit an erster Stelle. Dies sowohl für das Fohlen (Gefahr des Überschlagens) als auch für den Menschen (Distanz wahren, um Tritte zu vermeiden).

 

Hilfsmaßnahmen

Wer für die ersten Trainingseinheiten am Halfter keine Hilfsperson hat, kann sich mit verschiedenen Führtechniken behelfen, eine davon nennt sich „Seilacht“. Die Seilacht hat ihren Namen aufgrund der in Form einer 8 gelegten Schlaufen um das Fohlen. Dabei wird eine Schlaufe vorne um die Brust des Fohlens gelegt, die andere Schlaufe um die Hinterhand des Fohlens. Dort wo beide Schlaufen zusammentreffen (kurz hinter dem Widerrist des Fohlens), wird der Führstrick mit einer Hand gehalten, die andere Hand umfasst den Strick unweit des Kopfes. Die Seilacht um den Körper des Fohlens hilft Tempo und Richtung zu bestimmen.

 

Stillhalten & Anbinden

Wenn das Führtraining gut klappt (was es meist nach nur wenigen Einheiten von einigen Minuten tut!) kann die nächste Stufe angegangen werden. Das Stillhalten des Fohlens am Halfter einzufordern ist für Alltagssituationen (Tierarzt, Hufschmied etc.) unerlässlich und kann schon früh eingefordert werden.

Das Fohlen kann durch umfassen von Brust und Hinterteil in Anlehnung an eine Wand zum Stillstehen bewegt werden. Der Druck sollte nur so fest sein wie nötig, um es im Griff zu behalten. Steht das Fohlen artig still, kann man das Festhalten auch durch Streicheln ersetzen. Im Ernstfall kann der Haltegriff verstärkt werden, indem die Schweifrübe des Fohlens dicht am Körper fest umfasst wird. So kann sich das Fohlen auch durch Fallenlassen und Luftsprünge nicht mehr entziehen.

 

Das Anbinden ist für das Fohlen die logische Folge des Stillstehens. Erst wenn die Vorstufe zuverlässig klappt, sollte man an das Anbinden denken. Beachtet werden muss weiterhin, dass beim Fohlen das Skelett noch nicht voll entwickelt ist und Schäden insbesondere an Genick und Halswirbelsäule vorprogrammiert sind, wenn sich das junge Fohlen unkontrolliert am Strick aufhängt. Bevor das Fohlen nicht mindestens 3 Monate alt ist, sollten auch bei braven Fohlen keine Versuche unternommen werden das Fohlen anzubinden.

Man kann sich im Bedarfsfall behelfen und einen langen Strick durch einen Anbindering durchziehen und das lose Ende selbst festhalten. Hilfreich sind dafür auch sogenannte Anbindehilfen (z.B. von Michael Geitner), die den Strick fixieren, aber in Gefahrensituationen stufenlos (also ohne Ruck) freigeben.

 

 Anbindehilfe

 

Wartezeit

 

 


Verfasst im Juli 2014

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