Ein Faible für schwierige Pferde

 

 Warum tut sich ein Reiter ein schwieriges Pferd an? Manche Reiter lieben die Herausforderung. Die muss man auch annehmen wollen, wenn man sich auf ein schwieriges Pferd einlassen will. Schwierig ist dabei natürlich relativ und unmöglich zu definieren, weil es von den Fähigkeiten des Reiters abhängt. Was dem einen sein Schaukelpferd ist dem anderen sein Feuerstuhl. Die Toleranz seitens des Reiters ist da unterschiedlich stark ausgeprägt. Ein Pferd soll in meinen Augen immer eine eigene Meinung haben und auch einbringen dürfen. Was nicht heißt, dass ich nicht auf Harmonie und Kooperation baue.

Die meisten schwierigen Pferde sind dies nur aus Perspektive ihres Reiters. Fast alle Probleme sind hausgemacht und stellen sich durch vernünftigen Umgang und richtiges reiten von alleine ab. Manchmal ist diese Findungsphase bei einem besonderen Pferd länger. Wer ist jetzt hier schwierig?

 

Kontrollzwang, wohin man schaut

 An der Basis dieser Beobachtung steht die Angst vor Kontrollverlust. Die reiterliche Kompetenz nicht alles bis ins letzte Detail bestimmen zu können und daran nicht gleich zu verzweifeln. Die Kulanz auch einmal „Fünfe gerade“ sein zu lassen oder eine Forderung je nach Situation massiv durchzusetzen oder vorzeitig abzubrechen, wenn sich kein Erfolg einstellt, sondern Widersetzlichkeit. Sich Gedanken darüber zu machen, warum das Pferd nicht möchte und es körperlich in die Lage zu versetzen etwas zu können, bevor man es abfragt. Sich Vertrauen zu erarbeiten und zu erkennen, wann es zu viel wird. Das ist in großen Teilen Einfühlungsvermögen. Aber hat auch damit zu tun die Individualität des Pferdes zu akzeptieren und einen gemeinsamen Weg zu suchen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ein gewisses Maß an Kontrolle ist gesund und sinnvoll. Kein Reiter möchte mit seinem Pferd zu einem Selbstmordkommando aufbrechen und sollte nur so viel Risiko dulden, wie er mit guten Gefühl annehmen kann.

Der Grad an Kontrollzwang hat -zumindest nach meiner Beobachtung- aber auch mit der Sparte des Reitsports zu tun. Ein Dressurreiter wird mehr Unterordnung verlangen, als ein Springreiter, der wiederum weniger Eigenständigkeit dulden möchte, als ein Vielseitigkeitsreiter.

Das ist zwar jetzt stark pauschalisiert, aber selbst die meisten Dressurreiter werden zugeben, dass sie mit einem jungen Wilden zum Anreiten eher mal zu einem Buschreiter gehen. Die sind sattelfest und lachen über einen Buckler, machen sich nicht ins Hemd, wenn der Galopp mal schneller wird und sind generell flexibler und damit toleranter gegenüber Jungpferden. Davon kann auch der spätere Dressurcrack profitieren.

 

Erlaubt ist, was Spaß macht

Der Spaß steht bei Reiten als Hobby im Vordergrund. Während ich manchmal die stoische Gelassenheit und unproblematische Handhabung mancher Pferde in meinem Umfeld beobachte, wünschte ich mir bisweilen manchmal selbst so brave Exemplare. Wo alles so herrlich einfach ist. Aber dieses Gefühl verschwindet meist schnell von allein, wenn ich diese braven Pferde mal unter dem Sattel habe. Bereits nach wenigen Minuten -oder maximal Tagen- ist der Reiz des Neuen weg und es bleibt ein langweiliges Pferd.

Ich wünsche mir dann, dass es energischer sein könnte, fleißiger, mehr zündet, einfallsreicher ist, Alternativen anbietet, mitdenkt, Herausforderungen annimmt und auch mal über sich hinauswächst. Aber das lässt sich nur in begrenztem Maße anerziehen, dafür müssen die Grundlagen schon da sein. Ein Pferd soll in meinen Augen Kampfgeist haben, soll Ehrgeiz im Parcours entwickeln. Es soll sich ruhig ärgern, wenn es Fehler am Sprung macht, diesem Ärger Luft machen durch auskeilen oder auch mal buckeln, wenn es übermütig ist. Alles im vernünftigen Rahmen natürlich.

 

 

 

 

 

Aber für diese Eigenständigkeit seitens des Pferdes haben viele Reiter weder Verständnis, noch lassen sie den Raum dafür. Ein mitdenkender und mitkämpfender Athlet erwartet das aber und gilt damit als schwierig. Für Hochleistungen braucht man aber ein Pferd, das bereit ist 100% zu geben und sich engagiert.

Ein Pferd kann für mich spannend bleiben, wenn es den schmalen Grad schafft Kooperativität durch Rittigkeit zu signalisieren. Damit meine ich streng genommen Leicht-Rittigkeit, also eine Befolgung der Hilfen, wenn ich nur daran denke, was ein Mindestmaß an Spritzigkeit und Go seitens des Pferdes erfordert. Denn auch ein nach außen hin anständiges Pferd, das simpel in der Handhabung ist. kann richtig Spaß bringen, wenn es die nötige Einstellung mitbringt.

Aber sobald ein Pferd nur befolgt, was man abfragt, ohne sich einzubringen, sehe ich im Parcours bereits schwarz. Ein Pferd, das nicht mitdenkt, sondern Befehle ausführt, wird sicher solide Runde drehen, aber ist in meinen Augen für den Topsport, bzw. das, was ich mir unter erhöhten Anforderungen vorstelle, ungeeignet.

 

Was steckt dahinter?

 Ich bin immer davon ausgegangen, so ein Faible habe mit ein wenig mehr Mut zum Risiko und der Aussicht darauf, ein Pferd von unkooperativ zu einem spritzigen Freizeitpartner mit eigener Meinung zu konvertieren. Vielleicht steht dahinter mehr? Man möchte kein besiegtes Pferd, das die Selbstaufgabe als Mittel des geringsten Widerstandes geht. Man verliert den Respekt vor Pferden, die nicht bis zum äußersten alles geben, weil man selber ehrgeizig ist. Man möchte einen Partner und keinen Knecht. Der eben auch mal eine Herausforderung darstellen darf und soll, damit die Freude am täglichen Miteinander erhalten bleibt.

Ich bekenne mich jedenfalls zu der Macke, die ganz schwierigen Pferde besonders gern zu haben. Mir sind die Braven einfach zu langweilig.



Verfasst im September 2016

 

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