Der Doppelvererber– Auszeichnung oder Makel?

 

 

 

Seitdem Deutsche Zuchtverbände die Erkenntnis gewonnen haben, dass Springvermögen stark genetisch fixiert ist und eine Fokussierung auf eine einzige Reitsport-Disziplin den größeren Zuchtfortschritt erzielt, ist die disziplinorientierte Zucht auf dem Vormarsch. Hier zum Einstieg ein Zitat aus der Fachliteratur:

 

 

„Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Dressur- und Springleistung negativ miteinander korreliert sind. Top-Hengste der Dressur wirken meist negativ auf die Springleistung der Nachkommen, Reitpferdepoints und Fundament werden hingegen verbessert. Andererseits sind Top-Hengste in der Springleistung in der Lage, alle anderen in das Untersuchungsspektrum einbezogenen Merkmale positiv zu beeinflussen. Auch bei der Stichprobe der Trakehner Hengste zeigte sich eine gesichert negative Beziehung zwischen der Dressur- und der Springleistung. Auf die Zweckmäßigkeit, die Springleistung als ein mehrschichtig positives Selektionsmerkmal in der Reitpferdezucht zu nutzen, wird hingewiesen.“

(aus "Exterieur und Leistungen in der Pferdezucht", Gerhard von Lengerken & Hans-Joachim Schwark, 2002) Volltext hier einsehbar

 

  

Das bedeutet, dass die Warmbluzucht ein Gebäude positiv bewertet, das für Dressurpferde funktional ist, nicht aber für Springpferde. Das fiktive Zuchtideal des perfekten Exterieurs bei der Hengstkörung steht einer reinen disziplinorientierten Leistungsselektion im Weg. Das erwünschte moderne Modell wird in erster Linie den Erfordernissen der Dressurpferdezucht, beziehungsweise einem guten Allrounder gerecht. Das bedeutet, dass eine Orientierung an Funktionalität und dem jeweiligen angestrebten Zuchtziel unabdingbar ist.

Hengste mit einem hohen Dressurzuchtwert sind grundsätzlich negativ mit Springen korreliert. In der Springpferdezucht kann sich daher ein Dressur-Spezialist nie positiv auswirken. Dagegen können Top-Springhengste eher mal als Doppeltalent gelten und sich sogar positiv auf die Dressurveranlagung auswirken. Daher ist es auch wichtig in der Selektion der Dressurpferdezucht das Freispringen auf der Körung als Maßstab für Balance und Dynamik zu erhalten. Das Schmoren im eigenen Saft durch wiederholte reine Dressur-Anpaarungen kann sich dagegen nachteilig auswirken.

 

Um es für den Springpferdezüchter auf den Punkt zu bringen:

1. Springvermögen kann nur durch den Einsatz von spezialisiertem Springblut erhalten werden.

2. Für optimalen Zuchtfortschritt muss ein hohes Maß an disziplinbezogener Spezialisierung angewandt werden.

3. Weitere Zuchtziele verwässern die Bemühung um eine herausragende Springanlage.

  

 

Spezialisierung um jeden Preis?

Aber wie weit darf die Spezialisierung einer Zucht gehen? Eine knallharte Spezialisierung der Springpferdezucht muss nach Meinung mancher Züchter nämlich auch auf Kosten der Bewegungsqualität gehen dürfen. So manch ein Hengst der französischen Zucht, die seit jeher zu mindestens 80% aus Springpferdezüchtern besteht, zeigt welche Folgen das haben kann: Verlust der Bergauftendenz, Mauligkeit und Rittigkeitsverluste, schlechte Halsung, Mangel an Durchschwung im Trabe – die Liste der Mankos, die gern als typisch „französisch“ betitelt werden ist lang.

Diese Diskussion wurde für mich bei der Nachkörung in Holstein für mich im Jahr 2010 von der Theorie zur Praxis, als ich den Hengst Lord If de la Chalusse sah: Begrenzte Bewegungen gepaart mit begnadetem Springvermögen. Selbst der Holsteiner Verband, der sich der ausschließlichen Förderung des Springpferdes verschrieben hat, hat diesen Franzosen nicht anerkannt. So kam im Kreis der Anwesenden die Diskussion auf, ob man Springvermögen wirklich um jeden Preis erreichen möchte.

Meine Antwort darauf ist ein klares Nein. Ich verstehe durchaus, warum das negative Körurteil dieses Hengstes einen eingefleischten Springpferdezüchter bestürzen mag, weil seine Qualität am Sprung einfach ausgezeichnet ist. Meine Meinung dazu ist aber dennoch, dass man zwischen Sportler und Deckhengst diifferenzieren sollte: Mangelnde Bewegungsqualität tut ihm als Sportler keinerlei Abbruch, aber an einen Deckhengst darf man durchaus eine gesteigerte Erwartungshaltung haben! Einen „Spezialisierungskrüppel“, also die Erreichung eines herausragenden Springpferds ganz ohne Bewegungsqualität, möchte ich persönlich nicht als Zuchtziel vor Augen haben.

Aber die Schere in der Spezialisierung von Spring- und Dressurpferden klafft immer weiter. Mit Fortschritt der Spezialisierung gibt es immer weniger Pferde, die sportlich wirklich beiden Sparten Genüge tun und vielmehr immer mehr Hengste, die für beides nicht gut genug sind.

  

 

Wie viel Doppelveranlagung kann man sich leisten?

Eine Mindest-Doppelbegabung kann und darf man von jedem Pferd erwarten dürfen (was konsequenterweise auch auf Reiterseite gilt). Wie bewegungsstark Springhengste von Weltformat sein können, zeigen aktuell ein Carrico von Catoki oder Van Gogh von Numero Uno. Solange es solche Ausnahmetalente gibt, bedeutet das auch, dass Bewegungsqualität nicht per se Springeignung vernichtet. Wohlgemerkt unter der Voraussetzung, dass eine ernsthafte Springpferdezucht betrieben wird. Deswegen darf man in meinen Augen Bewegungsqualität durchaus zum zusätzlichen Qualitätsstandard für ein Springpferd erheben.

 

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Wohlmöglich ist der Doppelvererber in seiner besten Machart sogar die Krönung einer Zucht. Zuchtpferde deren Nachkommen beide Sparten mit Nachdruck bis zur Klasse S bedienen können, sind schließlich ausgesprochen selten. Viele Vererber von großem Format haben ihren Nachkommen aber eine solche Doppelveranlagung mitgegeben. Man darf gespannt sein, ob unter der aktuellen Zuchtzielsetzung noch solche Vererberlegenden entstehen werden.

Umso wertvoller ist in meinen Augen ein Stamm, der eine ausgesprochene Doppelveranlagung mitbringt. Spezialisierung auf Kosten von universellen Qualitäten wie (Leicht-)Rittigkeit, Antrittsstärke, Elastizität, Takt und Körperbalance sollte nicht uneingeschränkt hingenommen werden. Diese Attribute sind maßgeblich für die Qualität eines Reit- und Springpferdes gleichermaßen. Bei meinen Stuten versuche ich durch die Anpaarung zumindest Vorhandenes zu erhalten, im Idealfall aber zu verbessern. Im Vordergrund stehen dabei Elemente wie Elastizität, Dynamik und Antritt, weil ich denke, dass diese Merkmale auch für das Springvermögen ganz entscheidend sind.

 

 

Was macht einen Hengst zum Doppelvererber?

Die Frage wie ein Hengst sportlich gefördert wird, hat oft Auswirkungen auf seinen Einsatz in der Zucht. Der Einsatz von Pferden mit Springgenetik im Dressursport ist für Springpferdezüchter ein echtes Verdachtsmoment. Natürlich landen manche Pferde mit Springabstammungen in der Dressur, weil sie schlicht nicht das Geschick oder den Mut für den großen Parcour haben. Aber oft genug ist es die reine Interessenlage der Besitzer, die über die weitere Förderung entscheidet. In diesem Falle hat es auch keinen Sinn ein solches Pferd aufgrund seines Einsatzes in der „falschen“ Disziplin zu ächten; seine Genetik und Veranlagung bleiben schließlich unverändert vorhanden. Aber wer soll die Gründe als Außenstehender einwandfrei beurteilen?

Ein Junghengst wird allerdings ebenso schnell verfrüht zum Doppeltalent deklariert, wenn er Springgenetik führt und gute Bewegungen mitbringt. Die meisten dieser Pferde sind aber bestenfalls Allrounder: „nicht Fisch, nicht Fleisch“ – kein Springpferd für höchste Ansprüche, aber auch kein wirklich gutes Dressurpferd.

Der echte Doppelvererber outet sich in meinen Augen ohnehin einzig über seine Nachzucht. Denn der Hengst muss wohl als Sportler in beiden Sparten punkten können, um auf sich aufmerksam zu machen, aber darüber hinaus (was noch schwieriger ist) mit seiner Nachzucht gleichermaßen beide Disziplinen bedienen können.

Das erreichen bei nüchterner Betrachtung nur die allerwenigsten Hengste. Klassische Doppelvererber sind für mich Hengste wie Quattro B, Argentinus, Contender, Ramiro oder Furioso II. Diese Hengste sind erwiesenermaßen jahrzehntelange Aushängeschilder ihrer Vererbungsqualität. Genetisch betrachtet muss solch ein Hengst freilich mit Springpferde-Genetik ausstaffiert sein, sonst könnte er keine Springveranlagung auf höchstem Niveau erhalten. Doppelbegabung darf kein Selbstzweck werden, sonst ist diese Fähigkeit schon bald wieder dahin.

 

 

 Verfasst im Juni 2014

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