Bergabtendenz beim Vollblut

Eine Bergabtenz ist angeblich typisch für hoch im Blut stehende Pferde. Aber stimmt das? Denn grundsätzlich ist erst mal jedes Pferd anatomisch bedingt durch die Befestigung von Kopf und Hals am vorderen Ende des Körpers vorhandlastig konstruiert
. Die Vorhand eines jeden Pferdes ist um 10-12% schwerer als die Hinterhand. Zu behaupten, dass Buglastigkeit ein vollblutspezifisches Problem ist, wäre daher schlicht gelogen. Ein nach vorn verlagerter Schwerpunkt ist beim Pferd eine anatomische Notwendigkeit.

Jedes Pferd muss lernen seinen Schwerpunkt zu verlagern, um seine eigene Vorderlastigkeit im Freilauf auszugleichen. Das Problem verschärft sich, wenn beim Reitpferd das Gewicht des Reiters hinzukommt, denn der bringt zusätzliches Gewicht auf die Vorhand. Vorhandlastigkeit ist also grundsätzlich einmal ein Problem, das Pferde jeder Rasse bewältigen müssen.


Fraglich ist: Betrifft dies ein hoch im Blut stehendes Pferd stärker? Was stimmt, ist das Vollblüter (wenn man denn überhaupt von dem stereotypen Blüter sprechen darf) oft vorhandlastig konstruiert sind. Das macht auch Sinn, wenn man sich ansieht, wie ein Vollblüter hohe Geschwindigkeiten erreicht. Also die für Geschwindigkeit notwendige Anatomie:
Die Maximierung des Galoppsprungs in der gestreckten Phase des Galopps erfolgt durch vermehrte Verschiebung des Körperschwerpunktes nach vorn. Der Körper des Pferdes (insbesondere Nase, Genick, Hals bis zum Widerrist) wird abgesenkt, der Körper in maximaler Streckung bei weggedrücktem Rücken nachgezogen. Der Hals überträgt Schwung in einer Bergabtendenz in Vorwärtsbewegung, im selben Rhythmus wie die Vorderbeine ausgreifen. Ein tief angesetzter Hals ist dafür absolut zweckmäßig. Interessanterweise wirken im Galopp die größeren Kräfte auf die Vorderbeine. Was wie eine anatomische Unmöglichkeit klingt, wo doch der Motor des Pferdes bekanntermaßen hinten ist, wird durch die beschriebene Schwerpunktverlagerung nach vorn erklärt.

 

 

 

 

Dies steht im gänzlichen Gegensatz zu den Anforderungen im Reitsport.

Weiterhin sind die Beine des Vollblüters im Verhältnis zum Körper relativ lang, um eine größeren Raumgriff pro Galoppsprung zu ermöglichen. Eine gewisse Langbeinigkeit ist die Folge, wobei Pferde mit langen Beinen paradoxerweise nicht automatisch den größeren Raumgriff haben. Der Raumgriff pro Galoppsprung beträgt durchschnittlich etwa 6 Meter, kann im Einzelfall aber bis zu 8,5 Meter lang sein. Dennoch ist der Raumgriff nicht allein entscheidend für den Rennerfolg, weil bei Höchstgeschwindigkeiten die schnelle Repetierfähigkeit noch wichtiger wird, als die Maximierung des Raumgriffs.
Die Repetierfähigkeit beim Vollblut ist im Galopp höher als bei allen anderen Pferderassen. Das ist anatomisch zu erklären mit der Verteilung der Masse an der Hinterhand. Beim Vollblüter ist der Großteil der Masse an der Hinterhand näher am Hüftgelenk und somit energieeffizienter gelagert. Dazu strecken und stauchen sich die Hinterbeine nahezu geradlinig, was dem Effekt einer Sprungfeder nahekommt. Um ein Unterfußen der Hinterhand im Galopp zu bewirken, ist keine aktive Muskelarbeit nötig, sondern dies ist ein nahezu passiver Prozess.
Darüber hinaus sei der Vollständigkeit halber die unterschiedliche Muskelfaserstruktur des Vollblutes angesprochen (siehe Artikel: Der perfekte Sportler - Muskelfasertyp und Sportleistung), die zu seiner Sportlichkeit erheblich beiträgt. Die Muskelmasse steht außerdem in einem anderen Verhältnis zum Körpergewicht, als bei einem Warmblüter. Jedes Kilo extra, das bewegt werden muss, kostet schließlich Energie.

Als Fazit kann festgehalten werden, dass bei einem Rennpferd der Körperschwerpunkt oftmals nach vorn verlagert ist, was physikalisch betrachtet seinem Einsatzgebiet Rechnung trägt. Für den Einddruck des überbaut seinss muss das Pferd nicht unbedingt hinten deutlich höher sein, es reichen lange, steil gewinkelte Hinterbeine in Kombination mit einem tief angesetzten Hals, um eine optisch nach hinten aufsteigende Rückenlinie zu kreieren. Gepaart mit wenig Substanz an Hals und Vorderpferd wirkt es schnell stromlinienförmig bis schmächtig. Das gibt dem Betrachter bereits das Gefühl, dass das Pferd bergab konstruiert ist.

Weiterhin hat die Halsposition einen starken Einfluss auf die Balancefähigkeit eines Pferdes. Der niedrig angesetzte Hals mit Unterhals ist unter Springpferden oft anzutreffen, während beim Dressurpferd eine perfekte Halswölbung und ein hoch angesetzter Hals ausdrücklich erwünscht ist. Der als Makel bezeichnete tiefe Hals muss einem Springpferd aber einen entscheidenden Vorteil bringen. Denn wenn er aus ästhetischen Gründen unerwünscht ist, muss er einen physikalischen Vorteil bringen, sonst wäre er nicht so weit verbreitet unter hochklassigen Springpferden. Schön ist schließlich anders.

In umfassenden Studien ist ergründet worden, dass Rennpferde sehr ähnlich konstruiert sind wie Top-Springpferde, insbesondere in der Konstruktion der Hinterhand. So erklärt sich auch, warum ein hoher Blutanteil bei Springpferden verbreiteter ist, als bei Dressurpferden.

Aber wichtiger als die Konstruktion sind die eigentlichen Eigenschaften als Reitpferd. Hier können Pferde oftmals trotz aller optischer Bergabtendenz durchaus punkten. Aus züchterischer Perspektive gilt es Individuen zu finden, die weniger bergab konstruiert sind und für eine Anpaarung zu sorgen, die zu einem gut ausbalancierten Nachkommen führt. Das Pferd muss von seinem Exterieur her zu dem angestrebten Zuchtziel passen.

 

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Verfasst im Januar 2015

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