Vollblutstuten in der Warmblutzucht

Die Auswahl der richtigen Vollblutstute

 

Vollblut in der Warmblutzucht - Wo geht die Reise hin?

Seit der Zeit der Vollblut-Gründerhengste in der Umzuchtphase zum modernen Sportpferd hat sich die Zuchtgrundlage grundlegend verändert. Heutzutage gibt es nicht mehr zuhauf "Schlachtrösser", sondern zum Teil wirklich moderne Sportpferde und eher vereinzelt noch die etwas altmodischen "Brecher" dazwischen.

Die Ansprüche an den Vollblüter haben sich damit auch verändert. Damals war ein echter Veredler gefragt, der Adel, Sportlichkeit und Härte einbringen konnte. Ein guter Vollblüter muss heute einem wesentlich höheren Standard genügen. Er muss selbst Reitpferdepoints, sowie genügend Rahmen und Größe mitbringen, um die Warmblutzucht nachhaltig positiv beeinflussen zu können. Die Ansprüche an Exterieur und Rittigkeit haben sich in der Reitpferdezucht in den letzten Jahren weiterentwickelt und einfach irgendein Vollblut einzukreuzen ist nicht mehr gut genug.

Damals war der Nutzen des Vollbluteinsatzes unbestritten. Wer massige Karrengäule zu Sportpferden weiterentwickeln wollte, musste damals den Weg über den Vollblüter als ultimativer Sportler gehen. Dieser Druck ist heute deutlich geringer und die Alternativen sind mannigfaltig vorhanden. Mit der künstlichen Besamung stehen Tür und Tor offen, um in anderen Genpools nach Möglichkeiten der Blutauffrischung zu suchen. Der Vollblüter hat Konkurrenz bekommen von Trakehnern im Dressursektor oder französischem Blut im Springsektor.

 

Eine Veredlung der Warmblutzucht meinte früher ein feingliedrigeres Pferd mit mehr Adel und hübschem Köpfchen zu schaffen. Das Credo für den Vollbluteinsatz ist heute weniger schiere Reduktion von Masse für ein sportlicheres Modell, sondern vor allem die Erhaltung der Spezialisierung der Warmblutzucht, bei gleichzeitig positiver Prägung durch die gewünschten Eigenschaften des Vollblüters. Das bedeutet im Regelfall heute eher die Erhaltung von Rahmen und Größe bei Einbringung von Härte, Leistungsbereitschaft, Regenerationsfähigkeit, Sensibilität. Die reitsportlichen Qualitäten des Vollblüters fanden früher kaum Beachtung, aber jetzt wo der Maßstab in der Reitpferdezucht höher ist, ist es eine Grundvoraussetzung für die Akzeptanz eines Vererbers.

Die Einkreuzung des Vollblüters ist heute die Aufgabe der Idealisten unter den Pferdezüchtern. Marktorientierung sieht jedenfalls anders aus. Das sorgt aber für eine drastische Abnahme der Qualität des Halbblüters.

 

Welche Makel muss man akzeptieren?

Es gibt durchaus Schwachpunkte, die aus Sicht des Warmblutzüchters in der Vollblutzucht gehäuft auftreten. Aber die wenigsten Reiter und Züchter aus dem Warmblutsektor können beurteilen, welche Makel wirklich Schwierigkeiten bereiten.

 

Was nimmt man bei der Anpaarung mit Vollblut wirklich an Schwächen in Kauf? Beschäftigen wir uns kurz mit ein paar der am häufigsten genannten Kritikpunkte:

1.    Schlechte Halsung/ tiefer Halsansatz

2.    Winkelung des Hinterbeins

3.    Einschienung Sprunggelenk

4.    Effiziente, flache Bewegungsabläufe

5.    Mangel an Größe und Rahmen

 

Ich halte dagegen:

1.    Trotz schlechtem Halsansatz ist mir noch kein Vollblüter untergekommen, dem sein angeblich so schlecht angesetzter Hals, (richtige reiterliche Förderung vorausgesetzt) in Sachen Anlehnung oder Rittigkeit Beschwerden bereitet hätte.

2.    Trotz nicht ideal konstruierter Hinterhand ist mir noch kein Vollblüter untergekommen, der schleppend abgefusst hätte oder gar wie ein Warmblut im Trab hinten raus gearbeitet hätte.

3.    Trotz schlecht ausgeprägten Sprunggelenken ist mir kaum ein Vollblüter untergekommen, der dadurch gesundheitlichen Schaden genommen hätte (Lahmheit, Spat, etc.).

4.    Trotz flachem Bewegungsablauf ist mir kein Vollblüter untergekommen, der deswegen nicht an seinem Ausbildungsziel ankam.

5.    Trotz Mangel an Größe und Rahmen ist mir kein Vollblüter untergekommen, der dadurch weniger leistungsbereit gewesen wäre (beide Faktoren können außerdem durch die Wahl der richtigen Vollblüter problemlos ausgeschlossen werden!)

 

Viele dieser Kriterien erscheinen mir also sehr durch die Brille von rein subjektiven Bewertungsmaßstäben zu erfolgen. Dies steht leider nicht immer mit der Leistungsfähigkeit eines Pferdes in Zusammenhang. Zuchtkomissionen haben einen Blick für die Abweichung von der Norm, liegen mit ihren Forderungen deswegen aber nicht immer richtig, was die Leistungsfähigkeit des Pferdes angeht. Die Zweckmäßigkeit bzw. Haltbarkeit ist der echte Maßstab, nicht Wunschkriterien.

 

Dagegen finde ich es z.B. wesentlich bedenklicher, dass folgende Mängel regelmäßig von Züchtern in Kauf genommen werden, die Vollblut einsetzen:

·         Verletzungsbedingtes Ausscheiden von der Rennbahn/ Mangel an Härte

·         Keine Überprüfung der reiterlichen Eignung, bzw. Eigenschaften als Reitpferd/ Springpferd

·         Keinerlei Ahnung über die Abstammung, bzw. ausbleibende Recherche zu den Eigenschaften der Ahnen (insbesondere hinsichtlich Bewegungsqualität und Springeignung – eigentlich DEN Zuchtzielen schlechthin!)

 

DAS sind in meinen Augen echte Makel, die noch dazu für den Wert der Nachzucht unheimlich entscheidend sind. Es gibt noch weitere Eigenschaften, die als typisch Vollblut (echt oder eingebildet) bezeichnet werden. Diese sollten zumindest berücksichtigt und überdacht werden, bevor ein Vollblüter in der Reitpferdezucht eingesetzt wird. Insbesondere ein Zuchttier muss besonders kritisch nach diesen Maßstäben beurteilt werden, um zu erkennen, ob es genug Pluspunkte mitbringt, um die vorhandenen Schwächen auszugleichen.

Nachfolgende Punkte sollen Stoff zum nachdenken liefern.

 

Elastizität

Ein hoher Muskeltonus zusammen mit einem ebenfalls häufig anzutreffenden Mangel an Losgelassenheit sorgt oft für fehlende Elastizität bei Vollblütern und ihren Nachkommen. Das wirkt angespannt, steif und hektisch. Ein Vollblüter, der sich von Natur aus elastisch im Bergauf durch den Körper bewegt, ist die absolute Ausnahme in seiner Population. Daher sollte dieser Punkt kritisch bewertet werden und in der weiteren Anpaarungsentscheidung Berücksichtigung finden.

 

Flache Bewegungsabläufe

Das Zuchtziel Geschwindigkeit fördert effiziente Bewegungsabläufe. Im Vergleich zu den Vertretern aus der Warmblutzucht wirken Vollblüter in der Bewegung schnell flach und unspektakulär. Das Vorderbein ist meist gerade, es gibt kaum Ansätze für die heute so begehrte aufwändige Mechanik im Bewegungsablauf. Wer darauf Wert liegt dies zu erhalten, wird lange nach passenden Exemplaren suchen müssen, aber es gibt sie!

Die Gangarten eines Vollblüters sind in Rennkondition oft nur schwer realistisch zu beurteilen. Die Grundgangarten leiden häufig unter der auf der Bahn anzutreffenden Reitweise mit hohem Kopf und festgehaltenem Rücken, sowie der nervlichen Anspannung im Rennsport. Hier lässt sich mit Arbeit über den Rücken oft noch viel erreichen. Dennoch muss ein gewisser Mindestanspruch erfüllt sein, bevor man einen Vollblüter für die Dressurpferdezucht kauft.

 

Durchschwung/ Schubentwicklung im Trab

Nach diesen Qualitäten sucht man in der Vollblutpopulation oft lange vergeblich. Auf der Rennbahn kann man es noch durch den Mangel an Gerittensein  entschuldigen, aber beim Freilauf sollten zumindest Tendenzen sichtbar sein, wenn Bewegungsqualität zum Zuchtziel gehört.

 

Springmanier

Die Meinung ein Vollblüter müsse einen schlechten Sprungablauf haben, ist verbreitet. Das hängende Vorderbein und die fehlende Bascule werden gern als "typisch Vollblut" tituliert. Vererber wie Heraldik xx haben dem Ruf der Vollblüter in dieser Hinsicht -trotz der beachtlichen Popularität als Deckhengst- einen Bärendienst erwiesen. Es gibt keinen Zweifel daran, dass sich viele Vollblüter aus Springreitersicht am Sprung eher mit Effizienz als Manier hervortun. Aber

 

Springvermögen

Es reicht kein Pferd, das irgendwie über den Sprung hechtet, sondern es sollte schon in der Lage sein seinen Körper zu benutzen. Jede Holsteiner rotbunte Kuh kann zur Not über 1.20m Springen! Für ein Sportpferd -insbesondere ein Springpferd- darf der Anspruch ruhig etwas höher gesteckt werden!

 

Grundvoraussetzungen an das Exterieur

Grobe Fehlstellungen und andere deutliche Exterieurschwächen werden von kaum einem Zuchtverband geduldet, wenn es um die Eintragung einer Vollblutstute in deren Stutbuch geht. Während vollbluttypische Merkmale wie ein gerade gewinkeltes Hinterbein und tief angesetzte Hälse bei sonstiger Eignung akzeptabel sind, muss immer bedacht werden, dass jeder Fehler bei der Stute später bei einer Anpaarung berücksichtigt werden muss und die Ansprüche an den Ausgleich durch den Hengst erhöht.

 

Gesundheit

Eine weitere Grundvoraussetzung ist eine gute Gesundheit der Stute. Verletzungsbedingte Ausfälle auf der Rennbahn sollten nur dann toleriert werden, wenn die Umstände und Hintergründe eindeutig bekannt sind. Wer mit Vollblut züchtet, kann sich durchaus mit einer mäßigen Rennleistung abfinden, aber bitte niemals mit einer schwächelnden Gesundheit! Gerade die Härte soll über den Vollbluteinfluss verbessert werden, da sollte man nicht gerade die Weichpappen von der Rennbahn hierfür auswählen.

Eine Stute decken zu lassen, weil sie nicht gesund oder unreitbar ist, ist extrem kurzsichtig. Dies umso mehr bei der heutigen Marktlage.

 

Überprüfung der Rittigkeit

Das Ziel ist es REIT-Pferde zu züchten! Deswegen ist eine Überprüfung der reiterlichen Qualitäten der für die Zucht vorgesehenen Vollblutstute meiner Meinung nach absolut unerlässlich.

Phrasen wie Geist, Leistungsbereitschaft und Härte können nicht einfach nur gedroschen, sondern müssen in der Praxis erprobt werden! Eine gute Eignung als Reitpferd sollte Grundvoraussetzung für den Zuchteinsatz eines Vollblüters sein. Die Eigenschaften als Reitpferd sollen hervorragend, oder zumindest in ihren Schwächen einzuschätzen sein. Vor jedem Zuchteinsatz muss deswegen die Leistungsbereitschaft und das sportliche Vermögen der Stute unter dem Sattel kritisch beurteilt werden. Der wahre Charakter zeigt sich in der Arbeitseinstellung und nicht nur im täglichen Umgang.

 

 

Grundvoraussetzungen an das Interieur

Oft wünschen sich die Reiter büffeliger Warmblüter mehr Spritzigkeit und Sensibilität. Der Vollblüter verkörpert diese Eigenschaften geradezu. Er läuft dann zur Hochform auf, wenn Warmblüter an ihre Grenzen stoßen. Aber Vorsicht, beim Reiten eines Vollblüters sind ungeübte Reiter schnell überfordert. Sensibilität kann sich sowohl positiv wie auch negativ auswirken.

Eine geeignete Stute sollte in erster Linie die gewünschte vollbluttypische Leistungsbereitschaft erkennen lassen. Es bringt schlicht nichts ein Vollblut zu nutzen, das selbst so träge wie ein Warmblut ist. Das Pferd sollte vor allem unter dem Reiter positive Sensibilität mitbringen (das Pferd soll "zünden").

 

Ein „guter Charakter“ wird oft als Kriterium genannt, ist aber mitunter ein undefinierbares und weites Feld. Ohnehin glaube ich, dass man den Charakter eines Pferdes erst dann abschließend beurteilen kann, wenn man es in der täglichen Arbeit erlebt, es an Herausforderungen und Neuheiten herangeführt hat. Es nutzt also nichts den guten Charakter einer Stute hervorzuheben, die sich täglich brav zur Weide führen lässt. Das ist kein guter Charakter, sondern ein Minimum an Benimm!

Es ist ein Fehler zu glauben, man müsse bei hoch im Blut stehenden Pferden auch schwierige Charaktere tolerieren. Charakter und Eigenheiten soll jedes Pferd haben dürfen, aber die Nachzucht soll später reit- und händelbar sein. Das sollte man als Züchter, der auf die Vermarktbarkeit seiner Zuchtprodukte im Regelfall angewiesen ist, im Hinterkopf behalten. Allzu große Abstriche sollte man deswegen im Charakter nicht dulden.

Es gibt andererseits genug Fallbeispiele von Vollblütern, die aus Unverständnis als extrem schwierig galten. Es ist aus so manch einem Verbrecher noch ein braves Reitpferd geworden. Mit dem richtigen Umgang lässt sich der Charakter meist unglaublich gut formen.

 

 

Pedigree

Bei der Vollblutstute fehlt schlicht das „Label“. Die meisten Warmblutzüchter und Reiter können mit ihrer Abstammung erst einmal wenig bis nichts anfangen. Der Ruf der Vollblüter in Zucht und Sport ist gemeinhin schlecht. Für die Vermarktung der Nachzucht ist es also wichtig, die Stute neu zu definieren. Dies gelingt, indem Verwandtschaft und Stamm genau auf individuelle Stärken und Schwächen oder –wenn vorhanden- auf Sportleistung hin durchleuchtet werden. Ein paar Vererbergrößen in Stamm oder Abstammung helfen ungemein, die Stute besser darzustellen.

 

 

 

 

Verfasst im Juni 2010, überarbeitet im August 2013

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