Aufzuchtintsintensität

 

 

 

Jeder Pferdebesitzer möchte die richtigen Weichen stellen für eine gesunde Aufzucht seines Jungpferdes. Leichter gesagt als getan, denn viele Ställe bieten professionelle Aufzuchtplätze für Jungpferde an, doch der hiermit verbundene Service ist sehr unterschiedlich. Unstrittig ist, dass Fütterung und Bewegung ganz besonders wichtig sind für die gesunde Entwicklung von Sportpferden. Ein Mehr an Bewegung ist dabei grundsätzlich positiv, wobei es bei der Fütterung schon etwas komplizierter wird. Wie intensiv ein Jungpferd während der Aufzucht zugefüttert werden soll, daran scheiden sich in der Pferdewelt die Geister. Nur eins ist sicher: Zu viel ist nicht gut und zu wenig ist auch nicht gut.

 

 

 

Welche Zufütterung macht Sinn?

 

Ein Zufüttern mit Kraftfutter und Heu ist in der Aufzucht auf der Sommerweide kaum üblich. Allein aufgrund der benötigten Fläche bedeutet Zufütterung über die Sommermonate erhebliche Zusatzarbeit, die man sich gern spart. Bei sehr großen und fetten Weiden mit reichhaltigen Böden mag das Gras ausreichend gehaltvoll für die Jungpferdeaufzucht.

 

 

Dabei ist besonders zum Anweiden und im Herbst, wenn die Weiden karger werden, eine Zufütterung mit Heu wirklich sinnvoll. Überhaupt sollte gutes Heu rund um die Uhr und ohne Einschränkungen für Jungpferde verfügbar sein. Die Raufen müssen hierfür lang genug sein, damit auch rangniedrige Pferd in ihrem Fressverhalten nicht eingeschränkt werden.

 

 

 

Im Winter werden in immer weniger Ställen Jungpferd individuell (= einzeln) mit Kraftfutter zugefüttert. Solange die Pferde zum Füttern nicht separiert, angebunden oder per Automat zugefüttert werden, lässt sich aber nicht sicherstellen, wie viel Kraftfutter jedes einzelne Jungpferd zu sich nimmt. Das wird spätestens dann zum Problem, wenn ein Pferd krank wird oder schlicht einen höheren Bedarf hat, als der Rest der Gruppe.

 

Wenn aus einem Trog gemeinsam gefüttert wird, werden immer diejenigen mehr Futter erhalten, die größer und stärker sind (oder schneller fressen) und damit dauerhaft größer und stärker bleiben. Das ist nicht optimal, aber besser als gar kein Kraftfutter zu erhalten. Eine gemeinschaftliche Fütterung der Gruppe Aufzuchtpferde wäre nicht dramatisch, sofern alle Pferde einen recht einheitlichen Bedarf haben. Das ist aber selten genug der Fall. Bunt zusammengewürfelte Herden bedeuten einen Mehraufwand bei der Zuordnung der richtigen Futtermenge, der selten geleistet wird.

 

 

 

Bei der Fütterung der Youngster muss in erster Linie die Versorgung mit Mineralfutter sichergestellt sein. Mit einem Salzleckstein auf der Weide ist es damit nicht getan, der ist allenfalls sinnvolles Beiwerk. Jungpferde im Wachstum müssen optimal versorgt werden, daher sollte am Mineralfutter keinesfalls gespart werden!

 

 

 

Extensive Aufzucht

 

Angeblich werden viele Jungpferde zu fett gehalten, so sagt so manch ein Stallbetreiber. Weniger sei mehr, weil zu viel Gewicht unnötig den Bewegungsapparat belastet. Ein Blick in diverse Aufzuchtställe landauf, landab zeigen jedoch im Warmblut-Bereich, dass eine extensive Aufzucht in Deutschland in den allermeisten Ställen Realität ist. Egal was die Stallbetreiber so sagen.

 

Was spricht dafür? Es ist bei steigenden Heu- und Getreidepreisen schlicht eine Preisfrage. Wie viel für den Betreiber an Gewinn am Monatsende bleibt, kann sehr leicht von der Fütterung abhängen. Sowohl der Zukauf als auch die Ausbringung sind ein erheblicher Kostenfaktor und bindet Personal.

 

Die Folge der bewussten Einsparung ist dann oft genug eine ständige latente Mangelerscheinung während der Aufzucht. Dies produziert „spätreife“ Pferde, die lange Zeit keine Muskulatur ansetzen und gegenüber ihren properen Jahrgangskollegen einfach noch ein bisschen schmal und zart aussehen. „Das holt der auf!“ heißt es dann oft lapidar. Mit Bezug auf das Höhenwachstum stimmt das auch, weil die Endgröße zu großen Teilen genetisch vorgegeben wird. Aber wenn die Aufzucht bereits eine mangelhafte Entwicklung zur Folge hat, ist dies sicher nicht gesund.

 

 

 

Intensive Aufzucht

 

Man findet nur wenige Betriebe (die zum Großteil reine Hengstaufzucht betreiben) wo die Jungpferde wirklich unabhängig der Jahreszeit zu fett gehalten werden. Hier ist eine angefütterte Frühreife eben bares Geld wert. Anders als bei anderen Haustieren, bei denen die Gesundheit bei der Entwicklung im Vordergrund steht, hat beim Pferd die Frühreife einen erheblichen Einfluss auf den Marktwert. Es gibt also durchaus wirtschaftliche Aspekte, die für eine gepushte Aufzucht sprechen.

 

Für die spätere sportliche Nutzung des Pferdes und seine Härte hat die Art der Aufzucht aber ebenfalls eine hohe Bedeutung. Bereits mehrere Dissertationen konnten einen Zusammenhang zwischen hoher Aufzuchtintensität und Schäden am Bewegungsapparat herstellen (siehe sehr gute Infoseite der FN). Natürlich ist OCD multifaktoriell, das heißt auch die Bewegungsanreize und die Genetik haben einen erheblichen Einfluss auf das Vorhandensein dieser Krankheit. Aber eine Fohlenmast begünstigt eindeutig spätere Probleme.

 

Trotz der bekannten Risiken der frühen und übertriebenen Zufütterung beim Fohlen und Jungpferd, überwiegt für viele Züchter der finanzielle Aspekt der Frühreife. Insbesondere für Fohlenschauen und Auktionen muss der Nachwuchs top entwickelt präsentiert werden. Für hässliche Entlein und Spätentwickler ist kein Platz. Vorzeitige Schäden am Bewegungsapparat werden hierbei mit Blick auf einen frühen Abverkauf billigend in Kauf genommen.

 

 

 

Der Optimalzustand in der Aufzucht

 

Grundsätzlich sagt man der Jährling und Zweijährige darf ruhig etwas schlanker ausfallen als der Absetzer. Es geht aber nicht darum, nur Fettpolster aufzubauen! Schlanke und muskulöse Pferde sind das Ziel, das gilt es zu differenzieren. Das geht nur über reichlich gutes Futter und eben auch Haltungsbedingungen, die Bewegungsanreize bieten.

 

Wenn man alten Züchten lauscht, so ist das großhungern von Jungpferden noch immer weit verbreitet. Die Pferde sollen ruhig rippig aussehen, denn eine Fettschicht belastet nur unnötig den Bewegungsapparat. Da ist auch was dran. Aber bei den meisten Aufzuchtplätzen, die eine solche Methode aktiv propagieren, sieht man einfach nur mangelernährte Jungpferde, mit allen negativen Konsequenzen daraus: Schlechter Entwicklungszustand und Apathie.

 

Manche sehen es sogar positiv: Pferde, die aus einer extensiven Aufzucht kommen, fallen bei der Umstellung auf Boxenhaltung beim Anreiten nicht so in sich zusammen, sondern bauen gleich auf. Na klar, ein Pferd, das bis dato zu wenig Futter bekommen hat, kommt besser mit einer mageren Zufütterung zurecht, als ein Pferd, das bis dahin gut versorgt war und dann wenig Futter und viel Arbeit erhält.

 

Nun kann es jedem guten Züchter auch mal passieren, dass seine Jungpferde ein wenig rippig daherkommen. Sofern dies Phasen von wenigen Wochen sind und nur einzelne Pferde betrifft, ist das auch nicht weiter dramatisch. Es kann seitens der Pferde (Infekt, Kastration, Wachstum) oder seitens der Futtergrundlage (Futterwert der Weide, Wetter) immer Momente geben, wo die Versorgung nicht optimal ist. Ein gesundes Pferd steckt das weg und baut bei Widerherstellung der Futtergrundlage auch schnell wieder auf.

 

 

 

Bewegung tut gut

 

Je mehr desto besser! Das gilt natürlich nur, solange genügend Energie für all diese Bewegung zur Verfügung bereitgestellt wird. Manche sinnvollen Empfehlungen, wie einen Raufutterzugang 24/7 bereitzustellen, sorgt im Winter im Matschpaddock für Jungpferde, die herumstehen und sich eine Wampe anfressen. Ein zu viel und zu wenig an Futter und Bewegung sollte der Züchter immer im Auge haben.

 

 

Im Rennsport, wo Frühreife und sportliche Belastbarkeit jeweils einen erheblichen Einfluss auf den Marktwert haben, sind einige Studien durchgeführt worden, um Optimalbedingungen zu schaffen. Wer also einmal sehen möchte, wie Perfektion in der Aufzucht aussieht, dem sei nahegelegt, sich ein größeres Vollblutgestüt beim nächsten Tag der offenen Tür oder nach Terminabsprache mal näher anzusehen.

 

 

Bei Vollblutfohlen mit viel Bewegung wurde die körperliche Entwicklung von Muskulatur, Knorpel, Bewegungsapparat und Herz-Kreislauf positiv beeinflusst. Das Freispringen von 6 Monate alten Fohlen führte zu Pferden mit besserer Koordination und Gleichmäßigkeit im Sprungablauf als 4-Jähriger. Natürlich muss die Art der Bewegung natürlich fürs Fohlen sein. Frühe Bewegungsanreize durch abwechslungsreiche Weiden und Spielgefährten, sowie Ausflüge ins Gelände an der Seite der Mutter können das Fohlen positiv prägen.

 

Paradoxerweise hat ein frühes Training positive Auswirkungen auf spätere Belastbarkeit im Sport. Gerade Fohlen, die noch nicht abgesetzt wurden, profitieren von reichlich Bewegung. Junge Fohlen bewegen sich im Schnitt doppelt so viel wie Ältere. Dies setzt üblicherweise sichtbar dann ein, wenn das Fohlen anfängt feste Nahrung zu sich zu nehmen und gemeinsam mit der Mutter weidet.

 

Untersuchungen aus der Vollblutzucht an über 7.000 Vollblütern in den USA haben gezeigt, dass kleinere und leichtere Pferde früher Rennpferde wurden und länger gesund auf der Rennbahn bleiben. Dagegen sind echte Champions und Gruppe 1 Sieger als Jährlinge meist deutlich größer als der Rassedurchschnitt, trotz der generell höheren Wahrscheinlichkeit von solch schwereren Pferden es nicht gesund auf die Rennbahn zu schaffen. Große, aber nicht übermäßig schwere, Pferde wurden zu Spitzenathleten, wohingegen leichtere Pferde die größere Haltbarkeit im Sport bei geringerer Leistungsfähigkeit aufwiesen.

 

 

 

 

 

Verfasst im Juli 2016

 

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